Hasshakusama (Frau Acht-Shaku-groß)

Heute gibt es passend zu Halloween eine japanische Gruselgeschichte. Sie trägt den Namen 八尺様 (Hasshakusama) und ist benannt nach einer mysteriösen Frauengestalt, die jungen Männern und Kindern zum Verhängnis wird. Die auserwählten Opfer sterben nach wenigen Tagen der ersten Begegnung. Angelockt werden sie unter anderem, indem Hasshakusama die Stimme von Verwandten nachahmt.

Es kommt vor, dass die Kreatur mehrere Jahre nicht in Erscheinung tritt, weshalb sie mitunter in Vergessenheit gerät. Mit der Stimme eines Mannes gibt sie ein seltsames Lachen von sich, das wie „Po, po, po, —“ klingt. Da ein Shaku (altes japanisches Längenmaß) etwa 30 Zentimeter misst, muss diese gruselige Frauengestalt etwa 240 Zentimeter groß sein.

Dieses böse Wesen kann durch Gebete und Riten an einen Ort gebunden werden.  Es wird dann mithilfe von Buddhastatuen, die am Rande dieser Ortschaft stehen, „versiegelt“ und so daran gehindert, umherzuwandern. Ein Ort, der sich bereit erklärt, diese Gefahr auf sich zu nehmen, genoss in früheren Zeiten durch Abkommen mit den Nachbardörfern viele Vorteile, wie zum Beispiel Vorrechte bei der Wasserversorgung.

Die bekannteste Geschichte von Hasshakusama ist leicht abgewandelt auch im englischsprachigen Raum unter dem Titel Eight-Feet-Tall bekannt. Dort ist der Ich-Erzähler aber ein US-amerikanischer Junge, der seine Ferien bei den Großeltern väterlicherseits in Japan verbringt. Diese ebenfalls sehr gute Version könnt ihr euch beim Hoaxilla-Podcast anhören (es gibt auch noch ein paar mehr Gruselgeschichten dort). Für tokiobanana habe ich mir die japanische Variante vorgenommen und frei nacherzählt. Viel Spaß beim Lesen.

Das Elternhaus meines Vaters ist von uns zu Hause mit dem Auto etwa 2 Stunden entfernt. Es ist ein altes Bauernhaus und mir hat es dort immer schon gut gefallen. Als ich in die Oberschule kam, bin ich oft in den Ferien alleine mit dem Moped dorthin gefahren.

Meine Großeltern haben sich immer sehr darüber gefreut, wenn ich sie besuchen kam. Doch es ist nun schon mehr als 10 Jahre her, dass ich das letzte mal dort gewesen bin. Es ist nicht einfach so, dass ich nicht hingegangen wäre. Ich konnte nicht. Und dafür gibt es einen Grund.

Es war gerade zu Beginn der Frühlingsferien. Das Wetter war gut und ich machte mich auf den Weg zu meinen Großeltern. Es war zwar noch recht kalt, aber ich machte es mir auf der gemütlichen breiten Veranda des alten Hauses bequem und ruhte mich dort aus, als plötzlich ein Laut zu hören war.

„Po, po, po, —“

Es war nicht das Geräusch einer Maschine, sondern es klang wie von einem Menschen. Ich war mir auch nicht sicher, ob es eher wie „Po“ oder „Bo“ klang. Was könnte das sein? Da sah ich auf der hohen Hecke, die den Garten umgab, einen Hut. Aber der Hut lag nicht auf der Hecke; er bewegte sich in eine Richtung. Als er das Ende der hohen Hecke erreichte, sah ich den Träger des Huts. Es war eine Frau, die in ein langes schneeweißes Kleid gekleidet war.

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Aber die Hecke war schon 2 Meter hoch. Wenn also der Kopf der Frau über diese Hecke reichte, wie groß war sie denn dann? Während ich mich noch wunderte, war die Frau mitsamt dem Hut aus meinem Blickfeld verschwunden. Auch das seltsame „Po, po, po, —“ war nicht mehr da.

Hatte sie vielleicht hohe Plateauschuhe getragen, oder war es vielleicht ein Mann in Frauenkleidern mit high heels gewesen? Was anderes kam mir nicht in den Sinn.

Beim Tee im Wohnzimmer erzählte ich meinen Großeltern davon.

„Vorhin hab ich eine riesige Frau gesehen. Oder es war vielleicht ein Mann in Frauenkleidern.“ Unbekümmert tranken sie weiter ihren Tee.„Sie war größer als die Hecke. Sie hatte einen Hut auf und machte so komische Geräusche. ‚Po, po, po‘ oder so“. Kaum hatte ich das gesagt, erstarrten meine Großeltern.

„Wann war das?“, „Wo hast du sie gesehen?“, „Wie viel größer als die Hecke war sie?“, fragte mein sonst so gelassener Großvater mit strenger Miene.

Während er mich weiter ausfragte, ging er in den Flur hinaus zum Telefon. Da er die Schiebetür zuschob, konnte ich nicht hören, wen er anrief oder was gesagt wurde. Meine Großmutter zitterte am ganzen Körper. Als mein Großvater zurückkam, sagte er zu mir: „Du musst heute hier übernachten. Du kannst nicht nach Hause gehen.“

Fieberhaft überlegte ich, ob ich irgendwas furchtbar schlimmes angestellt hätte. Aber es fiel mir nichts ein. Ich war ja auch nicht extra hingegangen, um diese Frau anzugaffen. Sie war alleine wie aus dem Nichts aufgetaucht.

„Ich fahre jetzt und hole Ksan. Großmutter, pass auf den Jungen auf!“ Schon war mein Großvater aus der Tür.

Auf meine wiederholten Fragen, was denn nun überhaupt los sei, antwortet meine Großmutter zögerlich: „Hasshakusama hat Gefallen an dir gefunden. Aber dein Großvater unternimmt was. Du musst dir keine Sorgen machen. Es wird alles gut.“ Es klang nicht sehr überzeugt. Ich war verwirrt, denn ich wusste nicht, was das bedeuten sollte. Als mein Großvater wiederkam, hatte er eine ältere Frau mitgebracht, die ich noch nie gesehen hatte.

„Du steckst in großem Schlamassel, Junge. Hier, nimm das!“ befahl sie und drückte mir einen Papierstreifen mit Gebeten darauf in die Hand. Dann wurde ich in den ersten Stock in ein Zimmer gebracht. Dort waren alle Fenster mit Zeitungspapier verdeckt und darauf waren Papierstreifen mit Schriftzeichen und Symbolen geklebt. In allen vier Zimmerecken standen Schalen mit Salz gegen böse Geister. Auf einem kleinen Holzkasten stand eine Buddhastatue. Außerdem waren zwei Nachttöpfe für mich vorbereitet worden. Langsam bekam ich richtig Angst.

Mein Großvater sah mich todernst an. „Bald ist der Tag vorbei. Du darfst nicht vor morgen aus diesem Zimmer gehen, verstehst du? Weder ich noch Großmutter werden dich rufen oder mit dir sprechen. Erst wenn morgen früh sieben Uhr vorüber ist, erst dann darfst du rauskommen. Ich sage bei euch zu Hause Bescheid.“

„Und lass den Gebetsstreifen, den ich dir gegeben habe, nicht von deiner Haut weichen. Wenn irgendwas passiert, dann bete zu Buddha um Hilfe“, fügte Ksan hinzu. Ich schloss die Tür.

Zwar durfte ich Fernsehen schauen, aber ich konnte mich dadurch nicht ablenken. Mir war auch nicht danach, von den Snacks oder Süßigkeiten zu essen, die meine Großmutter mir gegeben hatte. So kroch ich verängstigt unter meine Decke. Irgendwann bin ich eingeschlafen. Als ich die Augen wieder öffnete, war der Fernseher noch immer an und ich konnte auf meiner Uhr sehen, dass es kurz nach 1 Uhr morgens war. Wäre es doch nur schon morgen! Da hörte ich ein leises klopfendes Geräusch an der Fensterscheibe. Es war nicht so wie kleine Steinchen, die gegen Glas geworfen werden. Es war eher so, als wenn jemand sachte mit den Fingern an eine Scheibe klopft. Konnte der Wind ein solches Geräusch machen? „Lass es den Wind sein, lass es den Wind sein!“ hoffte ich verzweifelt. Um mich zu beruhigen, trank ich den Tee und machte den Fernseher lauter. Aber nichts half.

„He, alles in Ordnung. Du musst keine Angst mehr haben!“, rief plötzlich mein Großvater durch die Zimmertür zu mir. Ohne nachzudenken ging ich rüber zur Tür. Ich wollte gerade aufmachen, als ich mir daran erinnerte, was man vorher zu mir gesagt hatte.

„He, was ist los? Komm doch raus!“

Das war nicht die Stimme meines Großvaters. Sie klang zwar so ähnlich, aber… Ich weiß nicht, woher ich das wusste, aber im gleichen Moment standen mir am Körper alle Haare zu Berge. Ich blickte auf das Salz in der Ecke. Es hatte begonnen, sich zu schwärzen.

Schnell warf ich mich vor der Buddhastatue auf den Boden, umklammerte den Gebetsstreifen und wisperte eindringlich „Bitte hilf mir! Bitte hilf mir!“

„Po, po, po, —“ – da war diese Stimme wieder. Das Klopfen am Fenster wurde lauter. Ich wusste, dass sie nicht so groß sein konnte, aber ich stellte mir vor, wie sie von unten ihre Hand so weit reckte und gegen die Scheibe klopfte. Alles, was ich tun konnte, war weiter zu Buddha zu beten.

Die Nacht kam mir endlos lang vor. Doch selbst auf diese Nacht folgte ein Morgen. Irgendwann liefen im Fernsehen die Morgennachrichten. Die Zeitanzeige in der Ecke der Sendung zeigte 7:13 Uhr. Das Klopfen am Fenster und auch die Stimme waren verklungen. War ich eingeschlafen oder war ich ohnmächtig geworden? Ich wusste es nicht. Das Salz in der Ecke war komplett schwarz.

Meine eigene Uhr zeigte die gleiche Zeit. Ängstlich öffnete ich die Tür. Alle hatten schon auf mich gewartet. Meine Großmutter weinte erleichtert und war überglücklich zu sehen, dass es mir gut ging. Auch mein Vater war hergekommen. Mein Großvater schaute von draußen ins Haus und sagte, wir sollten schnell ins Auto steigen. Ich wusste nicht, woher das Auto kam, aber im Hof stand ein großer Van. Außerdem waren dort viele Männer, die ich nicht kannte.

Ich wurde in die Mitte des Vans, in dem 9 Leute Platz hatten, verfrachtet. Auf dem Beifahrersitz saß Ksan und alle Männer stiegen mit ein. Ich war umgeben von 8 Personen.

„Das ist eine schwierige Sache. Also, du machst dir vielleicht Sorgen, aber du musst jetzt deine Augen schließen und dich nach unten beugen. Wir können nichts davon sehen, aber du kannst es sehen. Bis ich sage, dass es ok ist, darfst du die Augen nicht aufmachen“, sagte der Mann, der rechts von mir saß.

Der kleine Lastwagen meines Großvaters fuhr voran und hinter dem Wagen, in dem ich saß, war das Auto meines Vaters. In dieser Kolonne fuhren wir langsam los.

Nach kurzer Zeit hörte ich Ksan flüstern: „Dies hier ist die kritische Stelle.“ Und sie begann mit einem melodischen Gebet Buddha anzurufen.

„Po, po, po. … po, po. —“

Wieder diese Stimme.

Ich umklammerte den Gebetsstreifen, hatte meine Augen geschlossen und den Kopf gesenkt gehabt, so wie mir gesagt worden ist. Aber ohne es zu wollen, machte ich die Augen ein klein wenig auf und schaute Richtung Scheibe. Ich sah ihr schneeweißes Kleid. Es bewegte sich genauso schnell wie der Wagen. Folgte sie uns in großen Schritten? Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Aber es schien, als wollte sie in den Wagen sehen und neigte sich deshalb langsam vor. Unbewusst stieß ich einen leisen Schrei aus.

„Nicht hinsehen!“ kam von der Seite. Erschrocken presste ich die Augen zusammen, drückte das Papier in meinen Händen weiter zusammen und duckte mich runter.

Sie klopfte an die Scheibe des Wagens.

„Hö?“ und „Oh!“ entfuhr es da auch meinen Begleitern. Zwar konnten sie sie nicht sehen, nicht ihre Stimme wahrnehmen, aber das Klopfen hörten auch die anderen. Ksan begann, noch intensiver zu beten.

Nach einer Weile schienen Stimme und Klopfen vorüber zu sein.

„Ein Glück. Wir sind ihr entwischt“ sagte Ksan und alle im Wagen atmeten erleichtert auf.

Wir hielten auf einem breiten Platz und ich wurde zum Wagen meines Vater rüber gebracht. Mein Vater und mein Großvater verneigten sich tief voller Dankbarkeit vor den anderen, als Ksan zu mir kam und den Gebetsstreifen sehen wollte. Ich hatte ihn unbewusst in der Faust zusammengeknüllt. Er war vollständig schwarz geworden. „Es ist zwar nicht unbedingt nötig, aber zur Sicherheit trag diesen neuen Gebetsstreifen noch eine Weile bei dir.“ Sie drückte mir einen neuen Zettel in die Hand. Dann fuhr ich mit meinem Vater nach Hause zurück.

Mein Vater hatte von Hasshakusama gewusst. Als er selbst ein Kind war, ist ein Freund von ihm dieser Kreatur zum Opfer gefallen. Er wusste auch von Leuten, an denen Hasshakusama Gefallen gefunden hatte, und die deshalb weggezogen sind. Alle Männer, die mit im Auto gesessen hatten, hatten eine verwandtschaftliche Beziehung zur Familie meines Vaters. Sie waren also sehr weit entfernte Verwandte von mir. Sie sowie mein Großvater im Wagen vor uns und mein Vater im Wagen hinter uns sollten dabei helfen, Hasshakusama von mir abzulenken. Um dies alles organisieren zu können, musste ich eine Nacht im Zimmer verbringen. Im schlimmsten Fall hätten mein Großvater oder mein Vater als Ersatz für mich als Opfer dienen sollen.

Dies ist also der Grund dafür, warum ich nicht mehr zum Dorf meiner Großeltern gegangen bin. Es sind jetzt fast 10 Jahre vorüber seit diesen Ereignissen. Natürlich habe ich mich inzwischen oft gefragt, ob das nicht doch alles Aberglaube ist und ich nicht ein recht ängstlicher Teenager mit viel Fantasie gewesen bin. Mein Großvater ist vor 2 Jahren gestorben, aber an seiner Beerdigung durfte ich nicht teilnehmen. Auch als es ihm schon schlechter ging, hat er darauf bestanden, dass ich auf keinen Fall herkommen darf. Vor ein paar Tagen habe ich mit meiner Großmutter telefoniert. Sie hatte keine guten Nachrichten.

„Die Buddhastatue, in der Hasshakusama versiegelt worden ist, ist von jemandem zerstört worden. Das ist auch die, die bei dem Weg in die Richtung eures Hauses gestanden hat“ berichtete sie.

Mich beschlich plötzlich ein mulmiges Gefühl.

„Po, po, po, —“ machte es …

(frei nach http://matome.naver.jp/odai/2137388128163279401)

10. Festival des neuen japanischen Films

10Ich bin seit kurzem Mitglied einer Gruppe aus Ehrenamtlichen, die das Festival des neuen japanischen Films in Osnabrück organisiert. Dieses Filmfest findet in diesem Jahr schon zum 10. mal statt. Vom 01. bis zum 08. November werden an fünf Tagen in der Lagerhalle und im Haus der Jugend ausgewählte Filme gezeigt. 14 japanische Filme verschiedener Genres, wie zum Beispiel Komödie, Drama oder Anime, werden vorgeführt. Neben den Filmen gibt es Workshops, eine Suhsi-Bar und den Auftritt einer Taiko-Gruppe.

Um der herausragenden Rolle des Anime im japanischen Kino gerecht zu werden, zeigen wir in diesem Jubiläumsjahr drei recht unterschiedliche Vertreter dieses Genres.

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Da wäre zum einen „Miss Hokusai“. Das Historiendrama aus dem Jahr 2015 dreht sich um die willensstarke Tochter des berühmten Künstlers Hokusai (Die Welle von Kanagawa). Sie muss sich immer wieder in der von Männern dominierten Lebenswelt des alten Tokyo behaupten. Gleichzeitig kümmert sie sich rührend um ihre blinde Schwester.

Der zweite Anime „Patema Inverted“ stammt aus dem Jahr 2013. Die neugierige Patema und der Junge Age gehören zu verschiedenen Völkern, für die die Anziehungskraft entgegengesetzt wirkt. Durch ihre Beziehung kommen alte Konflikte und Vorbehalte zwischen den zwei Völkern ans Licht.

_plakat_belladonna_a1„Die Tragödie der Belladonna“ richtet sich an eine erwachsene Zielgruppe. Dieser Anime stammt zwar von 1973, ist aber vor kurzem in einer restaurierten Fassung neu herausgebracht worden. Erzählt wird die Geschichte der jungen Jeanne, die nach einer Vergewaltigung durch einen Fürsten voller Schmerz einen Packt mit dem Teufel eingeht.

Daneben zeigen wir noch zwei Filme des bekannten Regisseurs Sono Sion: „Tokyo Tribe“ und „The Whispering Star“. Während „Tokyo Tribe“ eher dem ülichen Stil Sono Sions mit vielen bunten Bildern, schnellen Szenen und abgedrehten Stories entspricht, ist „The Whispering Star“ der Beweis dafür, dass der Regisseur auch durchaus leisere Töne anzuschlagen weiß.

Bestimmt wird für jeden interessierten Kinogänger ein Film dabei sein. Wer also Zeit und Lust hat, ist herzlich Willkommen auf dem 10. Festival des neuen japanischen Films in Osnabrück!

Für nähere Informationen schaut bitte auf der offiziellen Homepage nach. Dort findet ihr auch nochmal eine Kurzzusammenfassung der jeweiligen Filme sowie Infos zum Eintritt oder zur Anmeldung zu den Workshops: http://www.japanfilm-os.de/

Nachtrag 2011

Die Leiterin des Kinderheims hielt mich auf dem Laufenden. Noch lange nach dem 11. März waren die Kinder, Jugendlichen, Schwestern und MitarbeiterInnen von Nachbeben betroffen. Das Fundament des Gebäudes war so sehr beschädigt worden, dass ein Neubau des Heims unausweichlich schien. So lange musste man sich mit den noch bewohnbaren Teilen des Hauses arrangieren bzw. dann in provisorische Unterkünfte umziehen.

Zurück in Deutschland kontaktierte ich zum einen meine Uni, um mich zurück zu melden. Dort sagte man mir, dass man nur noch auf ein Lebenszeichen von mir gewartet hatte. Es waren wohl mehrere Studenten unseres Instituts zur gleichen Zeit in Japan gewesen. Zum anderen nahm ich Kontakt mit meiner alten Schule auf. Es ist ein Mädchengymnasium, das ebenfalls wie das Kinderheim in Trägerschaft der Thunier Franziskanerinnen steht. Ich bat darum, eine Spendenaktion für das Kinderheim ins Leben rufen zu können. Der Schulleiter und sein Vertreter waren gerne bereit, mir diese Gelegenheit zu geben. An zwei Tagen hielt ich mehrere Vorträge vor den Schülerinnen und Lehrern, berichtete  von meinen Erfahrungen und der Lage in Japan. Die lokale Presse war auch anwesend und die Nummer des Spendenkontos fand weite Verbreitung. (Link zum alten Zeitungsartikel: http://www.noz.de/lokales/papenburg/artikel/274434/karina-hermes-aus-rhede-betreute-kinder-in-der-nahe-von-fukushima). Neben privaten Spenden waren unter anderem auch Malteser International und Caritas Österreich am Wiederaufbau des Kinderheims beteiligt.

Als die Genehmigung der Präfektur da war, genügend Gelder bewilligt und Spenden gesammelt waren, begann der Neubau. Die Kinder und Mitarbeiter wurden aktiv in die Gestaltung des neuen Heimes miteinbezogen. Erst im Juni 2013 war das neue Heim komplett fertiggestellt. Das Kinderheim hat nun Platz für 48 Kinder und Jugendliche. Es verfügt über eine gute Isolierung, hat Notfallgeneratoren und Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Im Falle eines neuen ebenso starken Erdbebends wie 2011 wird das Gebäude standhalten, da der verwendete Stahlbeton die gesetzlichen Anforderungen mehr als erfüllt. Das Heim ist zudem für die Nachbarschaft zu einem Sammelplatz im Katastrophenfall bestimmt worden.

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Internetauftritt des Kinderheims http://fujinosono.or.jp/fujino_en_index.html

Sonnenblumen-Müllabfuhr

Asahi Shimbun 11.10.2016

Seit mehr als 1000 Tagen sind die Wagen der Müllabfuhr in der Stadt Zama (Präfektur Kanagawa) unfallfrei. Hauptarbeitsbereich für die Müllwagen sind öffentliche Straßen und Wege. Dabei wird immer wieder beschleunigt, abgebremst oder ganz angehalten. Deshalb kommt es nicht selten zu Auffahrunfällen, da die anderen Verkehrsteilnehmer zu spät auf die langsamen Wagen der Müllabfuhr reagieren.

Doch seit die Wagen in einem auffällig bunten Design unterwegs sind, ist die Zahl der Unfälle drastisch gesunken. Dies ist eigentlich nur ein sehr positiver Begleiteffekt einer PR-Aktion, die 2013 ihren Anfang nahm. Ursprünglich hatte man mit dem Bemalen der Karosserie die Kinder der Stadt im Blick. Bei ihnen sollte die Müllabfuhr ein neues positives Image bekommen, um so letztlich auch bei den Eltern das Bewusstsein für den Umgang mit Müll zu schärfen.

Das Design der Wagen haben die Mitarbeiter der Müllabfuhr eingenständig entworfen. Hauptfigur ist die Sonnenblumenfee, aber auch andere beliebte Charaktere sind in verschiedenen Situationen auf den Wagen abgebildet. Inzwischen sind 2/3 der Wagen der Müllabfuhr in Zama mit diesem bunten Design ausgestattet.

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Tatsächlich sind die Wagen nun äußerst beliebt, die Mülltrennung wird ernster genommen und mehr Rohstoffe können im Kreislauf behalten werden. Weil die Kinder nun öfter vorbeikommen, werden die Mitarbeiter motiviert, verstärkt auf Ordnung und Sauberkeit zu achten. Jeden Tag werden die Wagen blitzblank geputzt. Außerdem besuchen die Mitarbeiter Grundschulen, um mit den Kindern über das Thema Müll zu sprechen, und lassen sie bei der Gelegenheit im kunterbunten Müllwagen mitfahren.

http://www.asahi.com/articles/ASJB54S2GJB5ULOB00Y.html

 

Flucht Teil 2

Wäre der Flughafen in Akita groß gewesen, ich hätte ernsthaft Probleme bekommen, mich zurecht zu finden. Zunächst suchte ich nach einem Münztelefon, um meinen Freund auf dem Laufenden zu halten und ihn zu bitten, meine Familie über den Stand der Dinge zu informieren. Aufgrund der Notsituation war die Benutzung der Telefone kostenlos.

Ich war nicht die einzige, die an diesem Tag von dort weg wollte. Viele Menschen waren in der Halle und wollten einfach den nächstbesten Flug nehmen. Aus diesem Grund hatte die Fluggesellschaft Wartenummern verteilt, als wären wir beim Amt. Ich hatte Glück, dass ich kurzfristig einen Platz nach Tokyo Haneda erhalten habe. Während des Fluges habe ich mir immer wieder in Gedanken gesagt, dass ich noch eine kleine Weile durchhalten muss, nur noch ein wenig.

In Tokyo Haneda angekommen sagte ich meinem Freund Bescheid und war überglücklich, als ich ihn endlich sehen konnte. Natürlich wünscht man sich beim ersten Treffen mit der Familie des Freundes einen guten Eindruck zu machen. Aber ich hatte tagelang nicht geduscht, war ein reines Nervenbündel und zu nichts mehr zu gebrauchen. Nichts zu machen.

Endlich konnte ich duschen, essen und mich ausruhen. Ich fühlte mich sicher und wäre vielleicht noch länger bei ihnen geblieben, wenn meine Familie nicht darauf bestanden hätte, dass ich sofort den nächsten Flug nach Hause nehme. Ich musste einsehen, dass es das beste war, obwohl mich das sehr traurig machte.

Nach einer schlaflosen Nacht machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Tokyo Narita. Der Flug sollte gegen drei Uhr starten und ich sollte dann in Amsterdam von meiner Familie abgeholt werden. Am riesigen Flughafen Narita war sehr viel los. Ein Angestellter hat uns darüber informiert, dass der Flug sich verlängern würde. Es war ein längerer Zwischenstopp von etwa zwei Stunden in Osaka geplant, da Lufthansa entschieden hatte, ihr Personal von Tokyo nach Osaka zu verlegen. Kurze Zeit später wurde Tokyo von Lufthansa gar nicht mehr angefolgen.

Nach dem gründlichen Security-Check ist mir während dem Weg zum richtigen Gate aufgefallen, dass meine eigentliche Boarding-time schon längst vorbei war. Aber meine Sorge war unbegründet, denn die Boarding-time für den Flug war verlängert worden. Der Kapitän bekundete in einer kurzen Ansprache sein Beileid mit allen, die durch die Katastrophe geschädigt worden waren oder Angehörige verloren hatten. Während des Fluges hatte ich zu meiner Rechten eine nette Japanerin sitzen, mit der ich mich eine ganze Weile unterhielt. Sie hatte Verwandte in Europa zu denen sie nun vorerst wollte. Der Flug kam mir endlos lang vor und ich befand mich ständig zwischen Wachen und Wegnicken.

Es war Nacht, als wir endlich in Amsterdam ankamen. Noch im Flugzeug sah ich vor mir ein junge Mutter, die in einem Tragetuch einen kleinen Säugling dabei hatte. Außerdem hatte sie eine Menge Handgepäck und wirkte recht verlassen. Kurzerhand bot ich meine Hilfe an und griff mir zwei ihrer Taschen. Zusammen gingen wir hinaus in den Flughafen. Zum Glück wurde sie dort von ihrem Mann, der im Ausland arbeitete, abgeholt.

Nachdem ich endlich meinen Koffer gefunden hatte, trat ich in die Empfangshalle. Meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester waren da. Alle waren erleichtert, aber auch sehr sehr erschöpft. Gegen halb eins morgens waren wir wieder zu Hause. Sofort habe ich meinem Freund Bescheid gesagt und mich am nächsten Morgen in Ichinoseki gemeldet.

 

Dies ist also die Geschichte meiner Flucht aus Japan. Körperlich war ich wieder zu Hause in Deutschland. In Sicherheit bei meiner Familie. Innerlich war ich noch lange nicht angekommen. Die Umstände der Abreise, die Plötzlichkeit, die Bedrohung von Freunden und Bekannten durch Fukushima usw. haben natürlich weitergewirkt.

Im nächsten Beitrag möchte ich auf die weitere Situation des Kinderheims eingehen und erläutern, wie es dort heute aussieht.

Flucht Teil 1

Der Montag begann mit einer guten Nachricht, denn endlich war der Strom wieder da. Sofort suchte ich die Heimleiterin auf und bat darum, das Telefon benutzen zu dürfen, um zu Hause in Deutschland bei meiner Familie anzurufen. Sie gab noch zu bedenken, dass es in Deutschland gerade mitten in der Nacht war, aber ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich jemanden erreichen würde. Ich hatte recht; nach wenigen Augenblicken hatte ich meinen Bruder am anderen Ende der Leitung. Er rief mich zurück, damit das Telefon im Büro frei blieb.

Ich war noch  dabei zu versichern, dass es mir gut geht, als mein Bruder begann darzulegen, welche Gefahr von dem Atomreaktor in Fukushima ausging. Das ganze sei kein Spaß und wir sollten alle zusehen, dass wir von dort wegkämen. …. Von dieser Nachricht war ich mehr oder weniger einfach geschockt. … Sprachlos hörte ich mir an, wie nach meinem Bruder meine Eltern in ähnlicher Weise auf mich einredeten. Außerdem sagte mein Vater, dass ich mich sofort mit der deutschen Botschaft in Tokyo in Verbindung setzen sollte, damit die mir helfen können. Ich nickte, stammelte ein ‚ja‘ oder ‚hai‘ und merkte, wie sich langsam Panik in mir breit machte. Vorerst beendeten wir das Gespräch, damit ich in Tokyo anrufen konnte. Aber gleich danach sollte ich mich wieder zu Hause melden.

Ich legte auf, atmete durch, und machte mich auf die Suche nach der Heimleiterin, um ihr von der Situation zu erzählen. Da ich sie nicht sofort finden konnte, rief ich schnell meinen Freund in Yokohama an. Noch während wir sprachen, kam die Leiterin vorbei, ich legte auf und wir gingen zusammen in ihr Büro zurück, um die Botschaft anzurufen. Dort war kein Durchkommen für uns. Alle Leitungen waren belegt.

Wie verabredet, telefonierte ich wieder mit meiner Familie. Sie hatten regelrecht einen Fluchtplan für mich entworfen und ich musste mir alle Mühe geben, dem zu folgen. Punkt eins: Geld auftreiben; Punkt zwei: immer wieder versuchen, zur Botschaft durchzukommen; Punkt drei: Abreise vorbereiten. Sollte Punkt zwei nicht funktionieren, müsste ich versuchen, mit Bus, Bahn oder mit Taxi von dort wegzukommen. Der nächstgelegene Flughafen war in der Stadt Akita, die sich nordwestlich von Ichinoseki befindet. Von dort sollte ich einen Flug entweder nach Norden nach Sapporo oder nach Süden Richtung Tokyo/Yokohama nehmen. Nachdem sie mir diese Schritte eingetrichtert hatten, sagten sie mir nochmals, dass ich auf keinen Fall im Kinderheim bleiben könnte. Denn ich könnte sowieso nicht helfen und in einer solchen Situation müsse man auch an sich selber denken.

Ich wusste, dass sie recht hatten und ich spürte ihre Sorge. Meine Familie neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen oder gar hysterischem Verhalten. Gerade deshalb merkte ich die Ernsthaftigkeit der Lage an der Intensität, mit der sie auf mich einredeten und zugleich versuchten, mich nicht unnötig zu beunruhigen.

Mit aller Mühe versuchte ich mich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren. Geld besorgen. Zwar hatte ich eine Kreditkarte dabei, aber wer schon einmal in Japan war, weiß, dass Bargeld oftmals lieber gesehen wird. Vor allem in einer solchen Lage konnte es nicht verkehrt sein, genug Bargeld zu haben. Ohne Umschweife ging ich in die Stadt, in der Hoffnung, irgendwo einen funktionierenden Geldautomaten zu finden. Weder die kleineren sogenannten Combini noch das große Einkaufzentrum, wo ich hätte Geld abheben können, hatten geöffnet. Die Straßen der Stadt waren mit Autos zugestopft. Vielleicht waren sie auch auf der Suche nach geöffneten Geschäften oder auf dem Weg raus aus der Stadt, weg aus der Gefahrenzone.

Zurück im Heim konnte ich bei der Botschaft noch immer niemanden erreichen. Es blieb mir also nur, den von meiner Familie vorgezeichneten Plan in Angriff zu nehmen. Plötzlich stand ich furchtbar allein da. Ich würde losfahren, ungewiss, ob ich an irgendeinem Punkt einfach nicht mehr weiterkommen würde. Und auch ohne Handy. Da ich nur für ein paar Wochen geplant hatte, in Japan zu sein, hatte ich mir nicht extra ein Handy besorgt.

Der Entschluss stand fest. Ich musste mit einem Taxi, da Busse und Bahnen nicht fuhren, bis nach Akita druchkommen. Gücklicherweise war ein Taxiunternehmen bereit, den Versuch zu wagen. Sie merkten aber an, dass es wohl um die 60.000 Yen kosten würde. Da mein Vater mir ausdrücklich gesagt hatte, dass Geld nun wirklich keine Rolle spielte, habe ich das Angebot angenommen. Zu meiner großen Erleichterung bot die Heimleiterin zudem an, mir genügend Bargeld zu geben.

So schnell ich konnte, packte ich meine wenigen Sachen zusammen und verabschiedete mich von den Kindern, MitarbeiterInnen und Schwestern. Überfordert von der Lage und mit einem schlechten Gewissen ihnen gegenüber konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Ich fühlte mich als Verräterin, konnte ihnen aber nicht helfen. Unterwegs nach Akita sah ich verlassene Züge, die einfach auf Brücken mitten in der Landschaft standen. Lange Zeit fuhren wir über Landstraßen oder Bundesstraßen. Erst später konnten wir auf die Autobahn wechseln. Nach etwa 2 1/2 Stunden erreichten wir den kleinen Flughafen.

Erst in dieser Situation habe ich eine Ahnung davon bekommen, wie sehr Menschen, die zur Flucht gezwungen sind, innerlich zerrissen sein müssen. Sie können wegen der Gefahr nicht bleiben, wollen aber zugleich nicht gehen, weil es ihre Heimat, ihre Familie oder liebe Menschen sind, die sie zurücklassen müssen.

Die Tage danach

Am Morgen des nächsten Tages wurden die Schäden sichtbar. Gemeinsam mit den ErzieherInnen und Schwestern habe ich versucht, notdürftig im Wohnbereich der Kleinkindergruppe aufzuräumen. Im Grunde hätten wir es auch lassen können. Aber angesichts von unkontrollierbaren Naturgewalten überkommt die Menschen wohl der Drang, etwas zu tun, etwas zu unternehmen.

Es waren riesige Risse in der Mauer zu sehen. Fliesen waren von den Wänden gesprungen, alles war staubig wie auf einer Baustelle. Von einem Nachbarn haben wir uns ein wenig Wasser besorgt, um mit dem Aufräumen zu beginnen und den Boden zu wischen. Auch der Beton der Straße vor der Einrichtung wies Risse auf. Immer wieder erinnerten uns die Nachbeben daran, dass es noch nicht durchgestanden war.

Nach dem wenigen, was man aktiv tun konnte, blieb nur das Abwarten und Ausharren. Da alle ErzieherInnen des Heimes bei uns waren, war es nicht relevant, ob ich nun in der Turnhalle rumsaß oder nicht. So streifte ich tagsüber durch die verlassenen Straßen und habe einige wenige Bilder gemacht. Direkt Bilder vom Heim oder von der Situation der Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiter zu machen, war mir zuwider. Irgendwie empfand ich das als unangebracht; als Katastrophentourismus.

Aufgrund der Kälte und der Angst waren alle recht erschöpft. Ich war irgendwann nicht mehr recht in der Lage, vernünftig mit Stäbchen zu essen, weil meine Hände so sehr zitterten. Ohne Wasser konnten wir uns nicht duschen, keine Toilettenspülung betätigen oder vernünftig Zähneputzen. Diese Kleinigkeiten waren einfach nicht mehr möglich.

Die Mitarbeiter schafften es mithilfe der Vorräte, ein einigermaßen normales Essen zusammenzustellen. Die Portionen waren rationiert, aber ich hatte sowieso keinen großen Appetit. Außerdem sagte ich mir: Japan ist eine Industrienation und kein Land in Afrika. Bald kommt von außen mehr Hilfe und die Lage wird schnell wieder stabil sein, auch wenn es jetzt noch leichte Beben gibt.

Am Sonntag wurde klar, dass weder Busse noch Züge fuhren, da die Straßen und Gleise zu schwer beschädigt waren. Außerdem hörte ich davon, dass ein Atomkraftwerk uns noch zum Problem werden könnte und dass dort irgendwas geschehen sei. Weder wusste ich, wie akut diese Bedrohnung war, noch wo dieses Atomkraftwerk war. Zudem standen für mich die direkten Probleme eindeutig im Vordergrund. Zum Beispiel hatte ein kleiner Junge aus meiner Gruppe am Sonntagmorgen Fieber bekommen.

Zwar war es auch jetzt noch immer am beben, aber tagsüber war es leichter, dieses unsichere und unheimliche Gefühl zu ignorieren. Wohl auch, weil man sich selber bewegen und ablenken konnte. Nachts aber, wenn es stockduster wurde, die Wände zitterten, die Kälte durch die Kleidung kroch und neben dem dumpfen Donnern der Nachbeben die Sirenen von Feuerwehr und Polizei das einzige ist, was zu hören war, dann machte sich die Angst wieder breit.

Es ist ein sehr seltsames Gefühl, wenn man so völlig aus jeglicher Routine geworfen wird und sich plötzlich in einem Katastrophengebiet befindet. Oft dachte ich bei mir: Das ist doch nicht wahr. Es war einfach unbegreiflich für mich. Die Zeit nach dem Beben läuft in meiner Erinnerung oft surreal ab. So als wenn es ein Film ist, den ich mir ansehe.

Von der Außenwelt abgeschnitten, hatte ich keine Ahnung davon, welche Informationen in Deutschland über das Erdbeben durch die Medien gingen. Ich hoffte einfach, dass sie sich wohl nicht zu viele Sorgen machten und alles bald wieder gut sei.

Das große Beben

Für meinen Geschmack hatte ich an den Tagen zuvor schon genug Erdbebenerfahrung gesammelt. Am liebsten hätte ich einfach mein Praktikum weitergemacht und meinen Japanaufenthalt mit ein paar schönen Tagen bei meinem damaligen Freund in Yokohama abgeschlossen. Aber es sollte nicht sein.

Am 11. März hatte ich vormittags von 7 bis 13 Uhr Schicht und danach Mittagspause. Es war gegen 14:30 Uhr als dieses ungeheure Beben losbracht.Zu diesem Zeitpunkt war ich allein in meinem Zimmer und wurde jäh aus meinem Mittagsschlaf gerissen. Erst blieb ich still liegen, doch nach einigen Augenblicken merkte ich, dass dieses Beben stärker war und keine Anstalten machte, bald wieder abzuklingen. Ohne meine Brille auf der Nase kroch ich schnell von meinem Futon hinüber zum Türrahmen. Zusammengekauert wartete ich wieder ein wenig ab, spürte und hörte dann aber, dass Dinge in meinem und in den Nebenräumen umstürzten. Stoßgebete schossen mir durch den Kopf und ich wollte nur noch aus dem Gebäude heraus. Mein Zimmer war im 1. Stock und die Erzitterung unter mir war unheimlich. Als wenn ich betrunken wäre, wankte ich über den Flur, stütze mich an den Wänden ab und klammerte mich am Treppengeländer fest. Im Innenhof war noch eine der Erzieherinnen. Sie war überrascht mich alleine zu sehen. Zusammen wollten wir in das Hauptgebäude. Dort mussten sie erst die schwere Zwischentür aus Stahl von innen wieder öffnen. Sie war wohl geschlossen worden, um mehr Stabilität zu haben. Diesmal waren wirklich alle in Aufruhr angesichts der stetigen und starken Erschütterungen.

Wir liefen durch die Wohngruppe der Kleinkinder nach draußen auf den Vorhof des Hauteingangs. Es war Februar und es war kalt. Wir standen zusammen während es bebte. Die Beben wollten und wollten kein Ende nehmen. Kurzerhand wurde beschlossen, dass wir alle in die Turnhalle des Kinderheims gehen sollten. Dies war einer der sichersten Orte, denn dort gab es nichts, was unvermittelt herabstürzen konnte, alle konnten beisammen sein und die Leitung bzw. ErzieherInnen sich einen Überblick verschaffen. Einige der Mitarbeiter suchten Isomatten, Planen und Decken und da wurde mir klar, dass wir wohl erstmal dort bleiben müssten. Das Beben hatte am Nachmittag begonnen, d.h., der Großteil der Kinder und Jugendlichen war noch in der Schule oder unterwegs zurück ins Heim oder im Kindergarten. Da war natürlich zunächst die größte Sorge, ob denn alle wohlbehalten zurück zu uns kommen könnten und ihnen unterwegs nichts zustoßen würde.

Die Versorgung mit Strom und fließendem Wasser war sofort unterbrochen. Als es dunkel wurde, gaben nur einige Taschenlampen Licht. Zum Glück hatten es alle Kinder und Jugendlichen trotz der Beben geschafft, wohlbehalten zum Heim zu gelangen. Vor allem die Kleinen waren zwar aufgeregt, aber niemandem war etwas ernstes zugestoßen. Ich bekam die Erlaubnis, schnell und vorsichtig gemeinsam mit einer jungen Ordensschwester die wichtigsten Sachen wie Brille, Geld und Reisepass sowie warme Kleidung aus meinem Zimmer zu holen. Inzwischen war das Beben etwas abgeschwächt und die Abstände zischen dem Donnern der Erde größer geworden. Deshalb konnten wir dieses Wagnis eingehen.

Es lag Schnee und es war bitterkalt. Ich dachte daran, ob es wohl meinem Freund unten in Yokohama gut gehen würde, denn wenn es hier so bebte, wie wäre es dann wohl dort? Hat er auch keinen Strom und Wasser? Was war überhaupt passiert?

Das Haustelefon funktionierte nicht (ich hätte in dieser Situation natürlich eh nicht die Leitung besetzen dürfen). So bat ich eine japanische Praktikantin, kurz ihr Handy zu leihen. Ich rief in Yokohama an und zu meiner Verwunderung konnte ich meinem Freund selbst kaum auf Deutsch erklären, was gerade los war (mein Freund konnte Deutsch). Ich war überrascht, wie durcheinander ich offenbar war. Jedenfalls wusste ich dann, dass es wohl nur hier oben relativ schlimm war und es zwar auch dort gebet hatte und es weiter Nachbeben gab, aber nicht so sehr. Ich sagte, es ginge mir gut und brach dann das Telefonat ab, weil ich das Handy nicht länger in Anspruch nehmen wollte. Ich weinte wohl ein wenig aus Dankbarkeit, als ich das Handy zurückgab, was die junge Frau mit Verwunderung sah.

Die folgende Nacht war sehr sehr anstrengend. Das dumpfe Donnern der Erde und das Geräusch der erzitternden Wände war allgegenwärtig. Ich erinnere mich noch gut an die dunkle Halle, die vielen zusammengekauerten Kinder, ErzieherInnen, Mitarbeiter, Schwestern. Daran, dass es kalt war, und daran dass eine Erzieherin namens Yuki mir immer wieder gut zuredete „daijoubu, daijoubu“, „Es ist schon okay. Alles wird gut.“. Sie merkte vielleicht besser als ich selber, dass ich ziemlich schockiert war. Vielleicht konnte sie es mir ansehen. Die Leiterin des Heims, eine deutsche Schwester, kam zu mir und fragte, ob mir kalt sei. Ich verneinte, aber sie fasste mein kaltes Bein an und sagte mit Blick auf die dünne Decke über mir auf Japanisch: „Das reicht doch überhaupt nicht.“ Irgendwo fand sie noch eine Plane, die sie über mir ausbreitete. Ich regte mich nicht und war so ruhig, wie ich eben sein konnte, während es noch immer leicht weiter und weiter bebte.

Vorboten

Das Praktikum war eine spannende, aber auch recht anstrengende Erfahrung für mich. In der Kleinkindergruppe waren 11 Kinder. Zwei von ihnen waren auch vormittags zu Hause, während die anderen Kinder im Kindergarten waren. Mein Tagesablauf sah in etwa so aus: morgens von etwa sieben bis zwölf und nachmittags nochmal von eins bis fünf hatte ich Schicht. Die Zeiten verschoben sich je nach Wochentag etwas. Auch am Samstag musste ich arbeiten. Sonntags war zwar frei, aber als braves Christenkind bin ich mit den Schwestern zur katholischen Kirche gefahren und nahm im Anschluss daran noch Japanischunterricht bei einer freundlichen Dame aus der Gemeinde. Zum Glück sind die Läden auch am Sonntag geöffnet, sonst hätte ich nie meinen Vorrat an Süßigkeiten aufstocken können.

Vormittags mussten vor allem die Hausarbeiten wie Wäsche waschen, Fegen, Staubsaugen und Toiletten schrubben erledigt werden. Oft sind wir auch mit den beiden Kleinen einkaufen gefahren oder auf den Spielplatz gegangen. Zwischen zwei und drei kamen die anderen Kinder vom Kindergarten nach Hause und es wurde immer recht turbulent. Besonders witzig und vor allem nass wurde es, wenn die ganze Bande gebadet werden sollte.

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Am 17.02. wurden die Geburtstage von Miyu und Yuka gefeiert
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Yukas Geburtstagstorte
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Miyus Geburtstagstorte

Mein allererstes Erdbeben erlebte ich bereits am Mittwoch, den 09. März. Ich hatte Mittagspause und war allein in meinem Zimmer, als es plötzlich zu beben begann. Überrascht hörte dann auch noch das Haustelefon im Flur gegenüber von meinem Zimmer klingeln. Ein Mitarbeiter war dran und sagte mir, dass es ein Erdbeben sei und ich bitte runterkommen sollte. Zum Glück war es nicht weiter schlimm gewesen, aber rückblickend war dies ein Vorgeschmack auf das gewesen, was noch kommen sollte.

Japan wird aufgrund der Lage immer wieder von Erdbeben heimgesucht. Kleinere Erdbeben wie dieses am Mittwoch hinterließen deshalb keinen großen Eindruck bei den Erwachsenen. Die Kinder waren da schon aufgewühlter und auch ich musste mir eingestehen, dass Erdbeben eine scheußliche Angelegenheit sind. Sie treten ohne große Vorwarnung auf und ich denke, dass dieser Überraschungseffekt das ist, was mich am meisten beunruhigt hat.

In der Nacht und am Morgen des Donnerstags gab weitere leichte Beben. Am Abend telefonierte ich vorerst das letzte mal mit meiner Mutter und Großmutter. Natürlich erzählte ich ihnen von den Beben, versicherte aber im gleichen Atemzug, dass das normal sei und man sich deshalb keine Sorgen machen müsse.

Vorgeschichte

Ich habe 2008 mein Studium an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf begonnen. Mein Hauptfach war Modernes Japan und als Nebenfach hatte ich Philosophie belegt.

Ich war vor 2011 noch nie im außereuropäischen Ausland gewesen. Natürlich wollte ich unbedingt nach Japan und das Land, über das ich soviel gelernt und gehört hatte, mit eigenen Augen sehen. Endlich wollte ich außerhalb der Uni meine Sprachkenntnisse anwenden und beweisen, dass ich im fremden Japan zurechtkomme.

Das Gymnasium, das ich besucht hatte, war eine von Thuiner Franziskanerinnen geleitete Mädchenschule gewesen. Glücklicherweise gehören gerade diese Ordensfrauen zu der umtriebigeren Sorte. Sie hatten sich auch schon in Japan niedergelassen und leiteten dort verschiedenen Schulen, Kindergärten, Altenheime und auch Kinderheime. Kurzerhand versuchte ich mein Glück und nahm Kontakt zu der Mutter Oberin in Japan auf. Diese wiederum war so nett, den Kontakt zu einer deutschen Schwester in der Präfektur Iwate herzustellen. Dort wollte man mir die Möglichkeit geben, ein Praktikum in einem Kinderheim zu machen. Ich hatte schon vorher Praktika in diesem Bereich absolviert und freute mich sehr auf diese Chance.

Somit begann meine Reise am 06. Februar 2011.

Mein eigentliches Praktikum begann am 14. Februar. In der Vorzeit gaben mir die Schwestern durch ihre unglaubliche Gastfreundschaft die einmalige Gelegenheit, ein wenig durch den Norden Japans zu reisen.

Vom 07.  bis zum 10. Februar war ich zu Gast bei der Oberin in der Stadt Sapporo (Präfektur Hokkaido), wo zu dieser Jahreszeit der Schnee meterhoch liegt und das berühmte Schneefestival stattfindet.

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Verschneite Wege in Sapporo

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Nivea ist auch in Japan groß

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Die Tiere Hokkaidos

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Bühnenshow abends vor eisiger Kulisse

Danach empfing man mich in der Stadt Aomori, die bereits auf der japanischen Hauptinsel Honshu liegt. Dort konnte ich unter anderem ein Altenheim und einen Kinderhort, welche die Schwestern leiten, besichtigen.

Am 12. Februar schließlich erreichte ich Ichinoseki, wo ich mein Praktikum im Kinderheim Fujinosono beginnen sollte. Ich war dort der Kleinkindergruppe zugeteilt.

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Eine kleine Kapelle mit Trum darf natürlich nicht fehlen

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Mein Zimmer mit Futon und …

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Kotatsu! (Kotatsu sind beheizte Tische. Man setzt sich auf ein Kissen und schlüpft unter die Decke, die den Tisch umschließt. So hält man es auch im Winter in den zugigen japanischen Häusern einigermaßen aus.)

Soviel zur Vorgeschichte. Das nächste mal werde ich ein wenig über das Praktikum berichten und dann die Ereignisse rund um den 11. März schildern.