Die Krux mit der Geschichte

Bereits in der Vergangenheit wurde Japan eine mangelhafte Aufarbeitung seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg vorgeworfen. Nicht zu Unrecht, denn bei der eigenen Bevölkerung sind die Kenntnisse diesbezüglich weitgehend unausgereift. Wo Unkenntnis oder seichtes Halbwissen vorherrschen, wird auch in Japan schnell diese Lücke durch selbsternannte Patrioten ausgefüllt, die mit „alternativen Fakten“ arbeiten.

Einer von ihnen ist ein Mann, der sich Seiji Fuji nennt, aber eigentlich Toshio Motoya heißt. In seinem Buch „Theoretical Modern History: The Real History of Japan“ behauptet er unter anderem, dass die USA selbst den Untergang der USS Arizona bei Pearl Harbor verursacht haben, um einen Angriff auf Japan zu rechtfertigen. Auch das Massaker von Nanking, bei dem mehrere hundertausend Zivilisten und Kriegsgefangene von den japanischen Truppen getötet und Frauen und Mädchen Opfer von Massenvergewaltigungen geworden sind, wird komplett geleugnet.

 

Nun ist dieser Toshio Motoya nicht nur irgendein Nationalist, sondern der Mitbegründer der Hotelkette APA Hotels und wohl einer der reichsten Privatpersonen Japans. In seinen Hotels sind die Werke mit dem fragwürdigen Inhalt auf allen Zimmern verteilt. Motoya sieht es als seinen Auftrag, die Leute über die „wahre“ Geschichte Japans aufzuklären und ihren Nationalstolz zu fördern.

Proteste gegen solche Darstellungen und die Verbreitung falscher Informationen hat es zum einen von chinesischer Seite gegeben. Die chinesische Regierung hat die eigenen Reiseveranstallter dazu aufgerufen, die Hotelkette zu boykottieren. Zum anderen betrachten auch japanische Stimmen Motoyas Verhalten mit Sorge, da dies wiederum die Frage aufwirft, ob Japan seine Rolle und Verantwortung mit Bezug auf den Zweiten Weltkrieg noch immer nicht begriffen hat.

Quelle:

Defiant Apa paints a target on its back

 

Mädchenpower oder doch nur Hausfrauentugenden?

Üblicherweise besuchen Schüler in Japan zunächst die öffentlichen Grundschulen. Danach steht die Wahl zwischen öffentlichen oder privaten weiterführenden Schulen an. Unter letzeren gibt es viele, die reine Jungen- oder Mädchenschulen sind. Seit einigen Jahren ist bei privaten Mädchenschulen der Audruck „Mädchenpower“ ganz groß in Mode. Was genau das bedeuten soll, haben sich zwei Autorinnen der Asahi Shimbun angesehen.

Die Aussagen auf unterschiedlichen Homepages oder von Schulvertretern gehen in diese Richtung: Eine Föderung der Mädchenpower ist nötig, um eine selbstständige Frau mit einer klaren Vorstellung von der Zukunft zu werden. Auf diese Kraft, die man während der Zeit an der Mädchenschule fern von den Jungs erworben hat, kann man sich dann als erwachsene Frau verlassen. „Wir vermitteln ihnen“, so ein Konrektor einer Mädchenschule, „,wie es dem guten Benehmen entspricht, gute schulische Leistungsfähigkeit, Denkvermögen und Ausdrucksstärke.“ Dazu kann man ihm zufolge keine Jungen mit selben Gebäude gebrauchen, denn die Entwicklung dieser Mädchenpower wird durch „beliebte und umschwärmte Jungs“ behindert. Deswegen braucht es eine geschützte Umgebung und ein Unterstützungssystem für die Mädchen. Wo das am Ende hinführt, kann man sich auf der Homepage der Frauenuniversität, zu der diese Schule gehört, durchlesen „The spirit of harmony encompasses the ideal of instructing young women in the morality and etiquette of a successfully socialized individual and future mother, nurturing within them a compassion for others.“ Ach so, natürlich, die perfekte Mutter als Hort der Moral und Etiquette.

Eine weitere Schule, die sowohl Mädchen als auch Jungen annimmt, diese aber getrennt unterrichtet, bringt dafür ähnlich befremdliche Argumente. Demnach haben Mädchen vielleicht die gleichen Fähigkeiten, aber da sie in der Gesellschaft als Frauen gegenwärtig immer untere Ränge einnehmen, muss man sie von den Jungen trennen und gesondert fördern. Sind Mädchen ein Fall für Sonderpädagogen?

Was noch nachdenklicher stimmt, ist der unterschiedliche Anspruch an Mädchen und Jungen. Während Mädchen besagte Mädchenpower, die gutes Benehmen und Empathie miteinschließt, erlangen sollen, heißt es bei den Jungs, dass sie Persönlichkeit und Stärke entwickeln müssen. Im Original werden folgende Ausdrücke verwendet 「女子力」für die Mädchenpower und für die Jungs 「人間力」. Während 「女子」Mädchen / junge Frau bedeutet, heißt 「人間」Mensch/ Person. Das letzte Zeichen heißt „Kraft, Fähigkeit, Stärke“. Ist es nicht komisch, dass Jungen zu Menschen und Persönlichkeiten werden, während Mädchen einfach nur ein bisschen Mädchenpower brauchen und aufpassen müssen, dass die Jungs ihnen diese druch Ablenkung nicht wegnehmen?

Diese Art der Mädchenpower scheint doch recht verstaubt zu sein. Statt  Anpassung an gesellschaftliche Normen durch gute Manieren und eine gepflegte Ausdrucksweise zu predigen, sollten eher gesellschaftliche Hürden und Barrieren auf dem Arbeitmarkt für Frauen abgebaut werden. Ein Schritt dazu wäre auch die Abkehr einer Trennung nach Geschlecht im Bildungssystem. Aber als Privatschule muss man sich ja Argumente einfallen lassen. Da hört sich das Gerede von der Mädchenpower einfach ganz nett an.

Ich halte das Konzept der geschlechtergetrennten Schulen an sich für überholt und rückschrittlich. Es gibt für mich (so gut wie) kein einleuchtendes Argument, wieso man Mädchen und Jungen getrennt ausbilden sollte. Natürlich gibt es Streit und Konkurrenz, aber das gibt es auch an reinen Mädchenschulen (ich spreche da aus persönlicher Erfahrung). Es schadet nicht, sich im Unterricht auch mit den Mitgliedern des anderen biologischen Geschlechts auseinanderzusetzen, zusammenzuarbeiten und zu diskutieren. Im Gegenteil, in der „normalen“ Welt ist das Leben in einer Jungs/Männerfreien Zone bzw. Mädchen/Frauenfreine Zone in den seltensten Fällen umsetzbar. Und wieso auch? Die anderen 50% der Menschheit sind weder Aliens noch Feinde. Es sind Mitmenschen.

http://www.seitoku.jp/gakuen/foreign_language/english/about/index.html

http://digital.asahi.com/articles/ASJDW5RDYJDWUTIL02N.html?_requesturl=articles%2FASJDW5RDYJDWUTIL02N.html&rm=449

Gerücht mit einer Prise Wahrheit

Relativ hartnäckig hält sich in reißerischen (meist englischsprachigen) Beiträgen  die Behauptung, dass es in Japan illegal sei, fettleibig zu sein. Das ist natürlich so nicht der Fall.

Japan ist eine Nation, in der sehr viel Wert auf Gesundheit und gesunde Ernährung gelegt wird. Der soziale Druck zum Dünnsein ist ziemlich hoch. Auf vielerlei Weise wird man mehr oder weniger liebevoll darauf aufmerksam gemacht, dass man wohl ein wenig zu viel Speck angesetzt habe (Erfahrungsbericht: https://www.youtube.com/watch?v=wwH3rA8Evow ). Dabei gibt es kaum übergewichtige Menschen in Japan und nur 3,5 % der Bevölkerung gilt als fettleibig.

Getrost lässt sich also sagen, dass Fettleibigkeit eines der geringen Probleme der japanischen Bevölkerung ist. Dennoch gibt es seit 2008 ein umstrittenes Gesetz, dass alle Menschen zwischen 40 und 74 Jahren dazu aufruft, sich einmal jährlich vermessen zu lassen. Für Männer gilt ein Wert von bis zu etwa 85 cm und Frauen bis zu 90 cm als normaler Taillenumfang. Liegen sie darüber, gibt es erstmal keine direkten Konsequenzen. Aber sie werden dann Ziel von Aufklärungskampagnen und Ernährungskursen, denn die einzelnen Gemeinden oder auch Firmen können von staatlicher Seite zur Verantwortung gezogen werden, wenn ein zu hoher Anteil der untersuchten Menschen als fettleibig gilt. Der soziale Druck, noch mehr auf die Figur zu achten, steigt somit weiter. Auch die tatsächliche Wirksamkeit des Gesetzes ist fragwürdig.

Die einzige vernünftige Reaktion ist meiner Meinung nach, diesen Unsinn einfach nicht mitzumachen und den Aufruf getrost zu ignorieren, wenn es denn möglich ist. Manchmal geht die staatliche Fürsorge und der Wunsch im Gesundheitssystem zu sparen zu weit in die falsche Richtung.

Auch als Austauschstudentin sollte ich zu Beginn meiner zwei Semester an der Uni einen Gesundheitscheck durchlaufen. Krankenversichert war ich natürlich so oder so. Und da ich keine Lust hatte, unbekannten Gesundheitsbeamten ohne Notwendigkeit über die Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit meiner Menstruation aufzuklären, bin ich schlicht nicht hingegangen. Es schien mir als unverhältnismäßige Einmischung in meine Privatangelegenheiten. Hab’s überlebt.

Run auf „glo“

„British American Tobacco“ hat Japan zum Testmarkt für sein neustes Produkt auserwählt. Wenn „glo“ tatsächlich halten kann, was es verspricht, so könnte dies viele Vorteile für aktive Konsumenten und ihre Umgebung bedeuten.

„glo“ hat das Format eines leicht zu groß geratenen Feuerzeugs. Mit einer „Tabakladung“ kann ca. 30 mal geraucht werden. Der Tabak wird in das Gerät eingeführt und dann auf etwa 240° erhitzt. Er verbrennt also nicht. Somit entstehen viel weniger Geruchsbelästigung, keine Asche und – so der Herrsteller – auch zu 90% weniger toxikologische Stoffe im Vergleich mit einer herkömmlichen Zigarette. Der Tabak wird in drei Geschmacksvarianten angeboten und ist seit diesem Monat in Japan in der Stadt Sendai erhältlich.

Aufgrund des erstaunlich hohen Interesses der japanischen Verbraucher ist „glo“ in einigen Märkten bereits ausverkauft. Überforderte Angestellte mussten zum Schutz vor wütenden Kunden mitunter die Polizei rufen. Ob das Produkt wirklich so gut ist und ob die Japaner sich damit auch nach dem ersten Hype anfreunden können, wird sich zeigen. Wenn schädliche Stoffe minimiert und Nichtraucher geschützt werden können, ist diese neue Variante des Tabakkonsums ein guter Ansatz.

Quellen:

http://digital.asahi.com/articles/ASJDJ4FH3JDJUNHB00K.html?_requesturl=articles%2FASJDJ4FH3JDJUNHB00K.html&rm=418

Seite des Herstellers:

http://www.bat.com/group/sites/UK__9D9KCY.nsf/vwPagesWebLive/DOAFGKR3

Der ewige Streit um ein paar Inseln

Relativ unbekannt ist, dass Japan und Russland nach Ende des Zweiten Weltkriegs nie einen Friedensvertrag abgeschlossen haben. Der Kriegszustand ist zwar beendet, doch dem Friedensvertrag steht ein jahrelanger Streit im Weg. Dabei geht es um Territorialansprüche, genauer gesagt um vier Inseln, die zu den Kurilen gehören und damit international Russland zugesprochen werden. Die Inseln Kunashiri, Etorofu, Habomai und Shikotan befinden sich nördlich von Japan und östlich von Russland.

Japan besteht auf „Rückgabe“ aller vier Inseln, während Russland bereit ist, nach Abschluss eines Friedensvertrag zwei der Inseln, Habomai und Shikotan, offiziell Japan zu überlassen. Dabei beruft Russland sich auf die „gemeinsame Deklaration von 1956“, in der die beiden Staaten die Umstände und Folgen eines Friedensvertrages festsetzten. Da Japan nicht bereit ist, sich mit zwei der Inseln zufrieden zu geben, und Russland keinerlei Interesse an einer erneuten Verhandlung über alle vier Inseln zeigt, sind die Fronten verhärtet.

Von erneutem Interesse ist dieser Konflikt mit Blick auf den baldigen Besuch des russischen Präsidenten Putin. Er wird sich am 15. und 16. Dezember zu Gesprächen mit Premierminister Abe in Japan einfinden. Schon im Vorfeld machte Putin beim Interview mit japanischen Medien deutlich, dass er nicht gedenke, den Kurilen-Konflikt anzusprechen, geschweige denn, neu zu verhandeln. Vielmehr warf er den Ball der japanischen Seite zu, indem er von einer „notwendigen Flexibilität Japans“ in dieser Angelegenheit sprach.

In beiderseitigem Interesse unterdes ist natürlich eine Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Doch auch hier sieht Putin Probleme, da aufgrund der Lage in der Ukraine von japanischer Seite Russland wirtschaftliche Sanktionen auferlegt worden sind. Er fragt: „Wenn wir solche Bestrafungen erhalten, wie sollen wir dann die wirtschaftlichen Beziehungen auf ein noch besseres Niveau bringen?“

Innerhalb dieser schwierigen Situation scheint auch die Ausweitung der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Japan nicht mehr als eine phantastische Idee. Russland strebt an, die Eisenbahnlinie über die Insel Sachalin bis zur japanischen Insel Hokkaidou auszubauen. Dies würde den Warentransport erleichtern und vergünstigen. Auch könnte so die Stillegung einzelner Bahnstrecken auf dem dünn besiedelten Hokkaidou verhindert werden.

Wir können gespannt sein, welche Ergebnisse das Treffen der Regierungschefs bringen wird.

Quellen:

http://www.yomiuri.co.jp/politics/20161213-OYT1T50110.html?from=ytop_navl&seq=01

http://digital.asahi.com/articles/ASJD8627PJD8UTIL057.html?_requesturl=articles%2FASJD8627PJD8UTIL057.html&rm=620

 

Schriftzeichen des Jahres 「金」(kin)

Heute wurde bekannt, welches japanische Schriftzeichen zum diesjährigen Schriftzeichen des Jahres gewählt worden ist. Im Vorfeld hatte die „japanische Vereinigung zur Feststellung des Kanjiverständnisses“ die Bevölkerung dazu aufgerufen, ein Schriftzeichen auszuwählen und mit einer kurzen Begründung für die Entscheidung einzusenden. Etwa 153.562 Vorschläge gingen bei der Vereinigung ein. 「金」(kin), das Zeichen für „Gold, Geld, Metal“ wurde am häufigsten genannt. In einer feierlichen Bekanntgabe schrieb ein buddhistischer Priester das Zeichen mit Pinsel auf einen großen Bogen Papier.

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Die Begründungen für die Wahl waren vielfältig. Zum einen wurde der Erfolg Japans bei den Olympischen Spielen in Rio, wo viele Goldmedallien erlangt werden konnten, genannt. Aber auch die riesigen Geldsummen, die für Olympia gebraucht werden, sowie die finanziellen Verwicklungen von Politik im Allgemeinen ließen die Menschen beim Rückblick auf 2016 an 「金」 denken.

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Als weitere lustige Begründung wurde die Haarfarbe des designierten US-Präsidenten, Donald Trump, angeführt. Die Überraschung dieser Wahl war auch in Japan sehr groß und die fluffige Frisur im güldenen Blond blieb nicht unbemerkt.

 

27f6db0a89b3b767549454948a780af5-300x256Weiteren großen Einfluss hatte ein kurioser japanischer Internethit diesen Jahres auf die Menschen. Ein Künstler namens Pikotaro hat mit „PPAP (Pen-Pineapple-Apple-Pen) einen großen Erfolg gelandet. In dem Video, das man sich hier ansehen kann https://www.youtube.com/watch?v=HFlgNoUsr4k, trägt der Sänger ein seltsam goldenes Outfit.

 

http://www.asahi.com/articles/ASJDC43Y0JDCPLZB11C.html

Schwanger? – 100 Tage Sperrfrist

Als ich heute einen Artikel zum Thema „Namensrecht“ gelesen habe, bin ich auf eine andere Tatsache gestoßen, die mir noch mehr zu denken gab, als das verworrene japanische Namensrecht.

Dies ist die sogenannte „Sperrzeit von 100 Tagen für eine erneute Heirat nach einer Scheidung für schwangere Frauen“. Das bedeutet im Klartext: Will eine Frau nach einer Scheidung frühzeitig erneut heiraten, so muss sie erst einen Arzt aufsuchen. Dieser muss ihr bestätigen, dass sie nicht schwanger ist. Ansonsten darf sie für einen Zeitraum von 100 Tagen nicht erneut heiraten, unabhängig davon, ob die Scheidung einvernehmlich ist und einer erneuten Partnerschaft auch sonst nichts im Wege steht.

Warum? Weil das japansiche Zivilrecht es sich in Fragen „Vaterschaft“ mehr als leicht macht. Darin heißt es, dass alle Kinder, die innerhalb von 300 Tagen nach einer Scheidung geboren werden, als Kinder des Exmannes zu betrachten sind. Und alle Kinder, die nach 200 Tagen nach einer Heirat geboren werden, die Kinder des gegenwärtigen Ehemannes sind. Also muss ein Zeitraum von 100 Tagen überbrückt werden, um Streitigkeiten bezüglich der Vaterschaft zu verhindern. Jeder Mann weiß, welches Kind ihm gehört.

Früher betrug diese Art der Sperrfrist für schwangere Frauen sogar sechs Monate. Dagegen wurde im vergangenen Jahr vor dem Obersten Gerichtshof Japans geklagt und es wurde geurteilt, dass eine Sperrfrist, die 100 Tage übersteigt, verfassungswidrig sei. Nur zwei von 15 Richtern waren der Ansicht, dass eine Sperrfrist an sich schon gegen die Verfassung und gegen die Selbstbestimmungsrechte der Frau verstößt. Die übrigen vertraten die Haltung, dass eine Sperrfrist von 100 Tagen nötig sei, um die soziale Stellung des Kindes zu sichern.

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Diese Regelungen zeigen eine enorme Realitätsferne. Zunächst werden Kinder nicht nur innerhalb von Ehen geboren. Sie werden vorher, parallel dazu mit anderen Partnern oder später gezeugt. Dies wird ausgeschlossen oder schlichtweg ignoriert. Nachwievor besteht die Vorstellung, dass Kinderkriegen nur in Ehen stattfindet.

Des weiteren ignoriert diese Sperrfrist grundlegende Selbstbestimmungsrechte der Frauen. Ihr Uterus ist mit dem Kind des Exmannes belegt. Eine Verbindung zu ihrem Exmann ist nicht aufzuheben, es sei denn, sie würde das Kind abtreiben. Die Möglichkeit mit einem neuen Partner / Ehepartner neu zu starten und das Kind als Kind des neuen Partners zu betrachten, wird so ausgeschlossen.

Das ganze ist eklatant nur vom Standpunkt der Männer und potentiellen Väter her gedacht. Es wird über den Kopf der Frauen und Kinder hinweg der „Besitzer“ des Kindes „errechnet“. Sicher ist es bequemer, eine solche Fristenlösung zu verwenden, statt sich mit Vaterschaftstests rumzuschlagen. In einer modernen Industrienation sollte es jedoch möglich sein, Regelungen zu finden, die die Rechte der Frauen anerkennen und nicht vollends an der Realität vorbeischrammen.

Quellen:

http://digital.asahi.com/articles/ASJCP7FLSJCPUTIL04D.html?_requesturl=articles%2FASJCP7FLSJCPUTIL04D.html&rm=564

und

http://www.asahi.com/articles/ASJ5075XZJ50UTIL06D.html

 

Im Namen des Mondes gegen STI

Am 21.11. stellte das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales eine besondere PR Kampagne vor. Im Fokus stehen dabei junge Frauen, unter denen zunehmend Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) registriert wurden.

Botschafterin für den Kampf gegen STI ist diesmal keine geringere als Sailor Moon alias Bunny Tsukino. Mit Postern, Flyern und Kondomen wird Aufklärungsarbeit geleistet und dazu aufgerufen, sich auf STI untersuchen zu lassen. Das Material soll zum Beispiel bei der Volljährigkeitsfeier (jedes Jahr im Januar) in den Kommunen verteilt werden.

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Einem Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge waren 2015 in Japan 2697 Fälle von Syphilis bekannt und inzwischen ist die Zahl auf über 3000 in diesem Jahr gestiegen. Syphilis ist eine bakteriell sexuell übertragbare Krankheit, die weitergegeben wird, wenn kein Kondom verwendet wird. Sie gehört somit auch zu den STI. Zwar ist die Krankheit medikamentös behandelbar, allerdings bemerken die Infizierten oft die Infektion nicht. Es können Organe geschädigt werden und in letzter Konsequenz kann die Krankheit tödlich enden.

Besonders die Ansteckung von jungen Frauen zwischen 20 und 30 war auffällig. Diese Gruppe ist mit der Manga- und Animeheldin Sailor Moon groß geworden. Deshalb bat das Ministerium die Mangazeichnerin Naoko Taekuchi, die Schöpferin von Sailor Moon, um Zusammenarbeit.

Es wurden 60.000 Kondome, etwa 5000 Plakate und noch etwa 160.000 Flyer mit Sailor Moon als Botschafterin entworfen. Takeuchi hofft, dass viele dem Aufruf von Sailor Moon folgen und sich untersuchen lassen.

http://www.asahi.com/articles/DA3S12669765.html

Abgesehen davon, dass ich Sailor Moon toll finde und die Idee im Grunde gutheiße, regt sich bei mir leichter Widerstand, wenn man mich mittels einer Manga- und Animefigur erziehen will. Aber sei’s drum.

Die noch viel drängendere Frage ist jedoch, wann eine entsprechende Kampagne für den männlichen Teil der Bevölkerung gestartet wird. Nur den Blick auf die steigenden Infektionszahlen unter jungen Frauen zu richten, ist zu einseitig. Denn wenn die Infektionszahlen unter jungen Frauen steigen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Kondom mit Männern geschlafen haben, so müssen diese Männer infiziert gewesen sein (STI kann natürlich auch bei nicht heterosexuellem Sex übertragen werden). Jetzt aber den jungen Frauen Kondome in die Hand zu drücken, ihnen zu sagen, sie sollten besser aufpassen und sich untersuchen lassen, ignoriert die Verantwortung, die Männer als Partner beim Sex haben. Sollten Männer sich auch von Sailor Moons Botschaft angesprochen fühlen, umso besser! Wenn nicht, so müsste man Pokemon oder Dragon Ball bemühen.

Hässlich aber herzlich

Normalerweise sind die Japaner sehr gut darin, übertrieben süße Charaktere oder Maskottchen zu entwerfen. Diese dienen der Produktvermarktung, machen eine Region bekannt oder fördern das Bewusstsein für Mülltrennung bei Jung und Alt (siehe Beitrag zur Sonnenblumen-Müllabfuhr).

Die Stadt Kikuchi in der Präfektur Kumamoto hat nun eine Kreatur geschaffen, die etwas aus diesem Schema fällt. Gestatten: Kikuchikun.

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Grün-marmorierter Kopf, blaues Gesicht, vertrocknet wirkende Augen, schwarz-weiß gefleckte Beine – was soll das?

Die erste Aufgabe des Maskottchens war es gewesen, in der lokalen Grundschule den Kindern das allseits bekannte und beliebte Märchen „Momotaro“ vorzulesen (in solchen Maskottchen stecken immer mehr oder minder gut bezahlte JapanerInnen; oft sind es Studenten). Doch nachdem die Grundschüler allesamt zu viel Angst vor Kikuchikun hatten, wurde das Maskottchen nicht mehr eingeladen. Auch die Möglichkeit, per Video mit Kikuchikun zu telefonieren, wurde nicht wahrgenommen.

Dennoch ließ man sich nicht beirren. Es wurde auf den Charakter ausgerichtetes Merchandise hergestellt und verbreitet. Außerdem ist Kikuchikun auf Twitter und Facebook sehr aktiv.

Schließlich schaffte Kikuchikun es ins lokale Fernsehen. Doch gerade als er bekannt zu werden begann, fand das Erdbeben von Kumamoto im April diesen Jahres statt.

Kikuchikun erwies sich als wahrhaft mit der Stadt und der Region verbunden. Außerdem waren seine Botschaften nicht nur leere Mutmach-Sprüche, sondern bewiesen Herz und Verstand. „Es wird den Leuten immer gesagt, dass sie nicht aufgeben sollen. Aber ist das alles? Manchmal kann es auch gut sein, wenn man sich zurückfallen lässt, oder wenn man mal zur Seite ausweicht. Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg. Geht den Weg, an den ihr glaubt.“ Kikuchikun möchte den Leuten dabei helfen, zumindest kurz ihr schweres Los in den verwüsteten Gebieten zu vergessen.

Neben dieser herzlichen Art hat das Maskottchen auch Witz und Mut gezeigt. Kikuchikun wurde dafür kritisiert, dass er gar nicht offiziell anerkannt sei als Maskottchen. Daraufhin entgegnete er, dass er ganz froh sei, nicht offiziell zu sein, sonst müsste er am Ende nur noch über die schönen und oberflächlichen Dinge reden. Oder am Ende gar werden wie Kumamon, das offizielle Maskottchen der Präfektur Kumamoto, der „doch eh immer nur über sich selber quatscht“. Am Ende verkündet Kikuchikun, dass er irgendwann beim Wettbewerb der Maskottchen Japans (ja, sowas gibt es), Kumamon zu Fall bringen wird.

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Rivale Kumamon

Die Bewohner von Kikuchi jedenfalls lieben ihren Kikuchikun. Der Kopf ist den regionalen Melonen, das Blau den Flüssen der Bergschluchten nachempfunden und die Augenbrauen stehen für die heißen Quellen. Schönheit und Balance sind eher vernachlässigt worden. Aber allein dadurch, dass man die Bedeutung von Kikuchikun den Menschen erklären muss, ist die Stadt schon sehr viel bekannter geworden, erzählt die Verkäuferin im örlichen Süßigkeitenladen.

Am 11.11. ist Kikuchikun ein Jahr alt geworden. Herzlichen Glückwunsch und weiter so!

(http://digital.asahi.com/articles/ASJBT0SDPJBSTLVB021.html?_requesturl=articles%2FASJBT0SDPJBSTLVB021.html&rm=726)