Gerücht mit einer Prise Wahrheit

Relativ hartnäckig hält sich in reißerischen (meist englischsprachigen) Beiträgen  die Behauptung, dass es in Japan illegal sei, fettleibig zu sein. Das ist natürlich so nicht der Fall.

Japan ist eine Nation, in der sehr viel Wert auf Gesundheit und gesunde Ernährung gelegt wird. Der soziale Druck zum Dünnsein ist ziemlich hoch. Auf vielerlei Weise wird man mehr oder weniger liebevoll darauf aufmerksam gemacht, dass man wohl ein wenig zu viel Speck angesetzt habe (Erfahrungsbericht: https://www.youtube.com/watch?v=wwH3rA8Evow ). Dabei gibt es kaum übergewichtige Menschen in Japan und nur 3,5 % der Bevölkerung gilt als fettleibig.

Getrost lässt sich also sagen, dass Fettleibigkeit eines der geringen Probleme der japanischen Bevölkerung ist. Dennoch gibt es seit 2008 ein umstrittenes Gesetz, dass alle Menschen zwischen 40 und 74 Jahren dazu aufruft, sich einmal jährlich vermessen zu lassen. Für Männer gilt ein Wert von bis zu etwa 85 cm und Frauen bis zu 90 cm als normaler Taillenumfang. Liegen sie darüber, gibt es erstmal keine direkten Konsequenzen. Aber sie werden dann Ziel von Aufklärungskampagnen und Ernährungskursen, denn die einzelnen Gemeinden oder auch Firmen können von staatlicher Seite zur Verantwortung gezogen werden, wenn ein zu hoher Anteil der untersuchten Menschen als fettleibig gilt. Der soziale Druck, noch mehr auf die Figur zu achten, steigt somit weiter. Auch die tatsächliche Wirksamkeit des Gesetzes ist fragwürdig.

Die einzige vernünftige Reaktion ist meiner Meinung nach, diesen Unsinn einfach nicht mitzumachen und den Aufruf getrost zu ignorieren, wenn es denn möglich ist. Manchmal geht die staatliche Fürsorge und der Wunsch im Gesundheitssystem zu sparen zu weit in die falsche Richtung.

Auch als Austauschstudentin sollte ich zu Beginn meiner zwei Semester an der Uni einen Gesundheitscheck durchlaufen. Krankenversichert war ich natürlich so oder so. Und da ich keine Lust hatte, unbekannten Gesundheitsbeamten ohne Notwendigkeit über die Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit meiner Menstruation aufzuklären, bin ich schlicht nicht hingegangen. Es schien mir als unverhältnismäßige Einmischung in meine Privatangelegenheiten. Hab’s überlebt.

Run auf „glo“

„British American Tobacco“ hat Japan zum Testmarkt für sein neustes Produkt auserwählt. Wenn „glo“ tatsächlich halten kann, was es verspricht, so könnte dies viele Vorteile für aktive Konsumenten und ihre Umgebung bedeuten.

„glo“ hat das Format eines leicht zu groß geratenen Feuerzeugs. Mit einer „Tabakladung“ kann ca. 30 mal geraucht werden. Der Tabak wird in das Gerät eingeführt und dann auf etwa 240° erhitzt. Er verbrennt also nicht. Somit entstehen viel weniger Geruchsbelästigung, keine Asche und – so der Herrsteller – auch zu 90% weniger toxikologische Stoffe im Vergleich mit einer herkömmlichen Zigarette. Der Tabak wird in drei Geschmacksvarianten angeboten und ist seit diesem Monat in Japan in der Stadt Sendai erhältlich.

Aufgrund des erstaunlich hohen Interesses der japanischen Verbraucher ist „glo“ in einigen Märkten bereits ausverkauft. Überforderte Angestellte mussten zum Schutz vor wütenden Kunden mitunter die Polizei rufen. Ob das Produkt wirklich so gut ist und ob die Japaner sich damit auch nach dem ersten Hype anfreunden können, wird sich zeigen. Wenn schädliche Stoffe minimiert und Nichtraucher geschützt werden können, ist diese neue Variante des Tabakkonsums ein guter Ansatz.

Quellen:

http://digital.asahi.com/articles/ASJDJ4FH3JDJUNHB00K.html?_requesturl=articles%2FASJDJ4FH3JDJUNHB00K.html&rm=418

Seite des Herstellers:

http://www.bat.com/group/sites/UK__9D9KCY.nsf/vwPagesWebLive/DOAFGKR3

Schriftzeichen des Jahres 「金」(kin)

Heute wurde bekannt, welches japanische Schriftzeichen zum diesjährigen Schriftzeichen des Jahres gewählt worden ist. Im Vorfeld hatte die „japanische Vereinigung zur Feststellung des Kanjiverständnisses“ die Bevölkerung dazu aufgerufen, ein Schriftzeichen auszuwählen und mit einer kurzen Begründung für die Entscheidung einzusenden. Etwa 153.562 Vorschläge gingen bei der Vereinigung ein. 「金」(kin), das Zeichen für „Gold, Geld, Metal“ wurde am häufigsten genannt. In einer feierlichen Bekanntgabe schrieb ein buddhistischer Priester das Zeichen mit Pinsel auf einen großen Bogen Papier.

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Die Begründungen für die Wahl waren vielfältig. Zum einen wurde der Erfolg Japans bei den Olympischen Spielen in Rio, wo viele Goldmedallien erlangt werden konnten, genannt. Aber auch die riesigen Geldsummen, die für Olympia gebraucht werden, sowie die finanziellen Verwicklungen von Politik im Allgemeinen ließen die Menschen beim Rückblick auf 2016 an 「金」 denken.

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Als weitere lustige Begründung wurde die Haarfarbe des designierten US-Präsidenten, Donald Trump, angeführt. Die Überraschung dieser Wahl war auch in Japan sehr groß und die fluffige Frisur im güldenen Blond blieb nicht unbemerkt.

 

27f6db0a89b3b767549454948a780af5-300x256Weiteren großen Einfluss hatte ein kurioser japanischer Internethit diesen Jahres auf die Menschen. Ein Künstler namens Pikotaro hat mit „PPAP (Pen-Pineapple-Apple-Pen) einen großen Erfolg gelandet. In dem Video, das man sich hier ansehen kann https://www.youtube.com/watch?v=HFlgNoUsr4k, trägt der Sänger ein seltsam goldenes Outfit.

 

http://www.asahi.com/articles/ASJDC43Y0JDCPLZB11C.html

Schwanger? – 100 Tage Sperrfrist

Als ich heute einen Artikel zum Thema „Namensrecht“ gelesen habe, bin ich auf eine andere Tatsache gestoßen, die mir noch mehr zu denken gab, als das verworrene japanische Namensrecht.

Dies ist die sogenannte „Sperrzeit von 100 Tagen für eine erneute Heirat nach einer Scheidung für schwangere Frauen“. Das bedeutet im Klartext: Will eine Frau nach einer Scheidung frühzeitig erneut heiraten, so muss sie erst einen Arzt aufsuchen. Dieser muss ihr bestätigen, dass sie nicht schwanger ist. Ansonsten darf sie für einen Zeitraum von 100 Tagen nicht erneut heiraten, unabhängig davon, ob die Scheidung einvernehmlich ist und einer erneuten Partnerschaft auch sonst nichts im Wege steht.

Warum? Weil das japansiche Zivilrecht es sich in Fragen „Vaterschaft“ mehr als leicht macht. Darin heißt es, dass alle Kinder, die innerhalb von 300 Tagen nach einer Scheidung geboren werden, als Kinder des Exmannes zu betrachten sind. Und alle Kinder, die nach 200 Tagen nach einer Heirat geboren werden, die Kinder des gegenwärtigen Ehemannes sind. Also muss ein Zeitraum von 100 Tagen überbrückt werden, um Streitigkeiten bezüglich der Vaterschaft zu verhindern. Jeder Mann weiß, welches Kind ihm gehört.

Früher betrug diese Art der Sperrfrist für schwangere Frauen sogar sechs Monate. Dagegen wurde im vergangenen Jahr vor dem Obersten Gerichtshof Japans geklagt und es wurde geurteilt, dass eine Sperrfrist, die 100 Tage übersteigt, verfassungswidrig sei. Nur zwei von 15 Richtern waren der Ansicht, dass eine Sperrfrist an sich schon gegen die Verfassung und gegen die Selbstbestimmungsrechte der Frau verstößt. Die übrigen vertraten die Haltung, dass eine Sperrfrist von 100 Tagen nötig sei, um die soziale Stellung des Kindes zu sichern.

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Diese Regelungen zeigen eine enorme Realitätsferne. Zunächst werden Kinder nicht nur innerhalb von Ehen geboren. Sie werden vorher, parallel dazu mit anderen Partnern oder später gezeugt. Dies wird ausgeschlossen oder schlichtweg ignoriert. Nachwievor besteht die Vorstellung, dass Kinderkriegen nur in Ehen stattfindet.

Des weiteren ignoriert diese Sperrfrist grundlegende Selbstbestimmungsrechte der Frauen. Ihr Uterus ist mit dem Kind des Exmannes belegt. Eine Verbindung zu ihrem Exmann ist nicht aufzuheben, es sei denn, sie würde das Kind abtreiben. Die Möglichkeit mit einem neuen Partner / Ehepartner neu zu starten und das Kind als Kind des neuen Partners zu betrachten, wird so ausgeschlossen.

Das ganze ist eklatant nur vom Standpunkt der Männer und potentiellen Väter her gedacht. Es wird über den Kopf der Frauen und Kinder hinweg der „Besitzer“ des Kindes „errechnet“. Sicher ist es bequemer, eine solche Fristenlösung zu verwenden, statt sich mit Vaterschaftstests rumzuschlagen. In einer modernen Industrienation sollte es jedoch möglich sein, Regelungen zu finden, die die Rechte der Frauen anerkennen und nicht vollends an der Realität vorbeischrammen.

Quellen:

http://digital.asahi.com/articles/ASJCP7FLSJCPUTIL04D.html?_requesturl=articles%2FASJCP7FLSJCPUTIL04D.html&rm=564

und

http://www.asahi.com/articles/ASJ5075XZJ50UTIL06D.html

 

Im Namen des Mondes gegen STI

Am 21.11. stellte das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales eine besondere PR Kampagne vor. Im Fokus stehen dabei junge Frauen, unter denen zunehmend Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) registriert wurden.

Botschafterin für den Kampf gegen STI ist diesmal keine geringere als Sailor Moon alias Bunny Tsukino. Mit Postern, Flyern und Kondomen wird Aufklärungsarbeit geleistet und dazu aufgerufen, sich auf STI untersuchen zu lassen. Das Material soll zum Beispiel bei der Volljährigkeitsfeier (jedes Jahr im Januar) in den Kommunen verteilt werden.

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Einem Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge waren 2015 in Japan 2697 Fälle von Syphilis bekannt und inzwischen ist die Zahl auf über 3000 in diesem Jahr gestiegen. Syphilis ist eine bakteriell sexuell übertragbare Krankheit, die weitergegeben wird, wenn kein Kondom verwendet wird. Sie gehört somit auch zu den STI. Zwar ist die Krankheit medikamentös behandelbar, allerdings bemerken die Infizierten oft die Infektion nicht. Es können Organe geschädigt werden und in letzter Konsequenz kann die Krankheit tödlich enden.

Besonders die Ansteckung von jungen Frauen zwischen 20 und 30 war auffällig. Diese Gruppe ist mit der Manga- und Animeheldin Sailor Moon groß geworden. Deshalb bat das Ministerium die Mangazeichnerin Naoko Taekuchi, die Schöpferin von Sailor Moon, um Zusammenarbeit.

Es wurden 60.000 Kondome, etwa 5000 Plakate und noch etwa 160.000 Flyer mit Sailor Moon als Botschafterin entworfen. Takeuchi hofft, dass viele dem Aufruf von Sailor Moon folgen und sich untersuchen lassen.

http://www.asahi.com/articles/DA3S12669765.html

Abgesehen davon, dass ich Sailor Moon toll finde und die Idee im Grunde gutheiße, regt sich bei mir leichter Widerstand, wenn man mich mittels einer Manga- und Animefigur erziehen will. Aber sei’s drum.

Die noch viel drängendere Frage ist jedoch, wann eine entsprechende Kampagne für den männlichen Teil der Bevölkerung gestartet wird. Nur den Blick auf die steigenden Infektionszahlen unter jungen Frauen zu richten, ist zu einseitig. Denn wenn die Infektionszahlen unter jungen Frauen steigen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Kondom mit Männern geschlafen haben, so müssen diese Männer infiziert gewesen sein (STI kann natürlich auch bei nicht heterosexuellem Sex übertragen werden). Jetzt aber den jungen Frauen Kondome in die Hand zu drücken, ihnen zu sagen, sie sollten besser aufpassen und sich untersuchen lassen, ignoriert die Verantwortung, die Männer als Partner beim Sex haben. Sollten Männer sich auch von Sailor Moons Botschaft angesprochen fühlen, umso besser! Wenn nicht, so müsste man Pokemon oder Dragon Ball bemühen.

Hässlich aber herzlich

Normalerweise sind die Japaner sehr gut darin, übertrieben süße Charaktere oder Maskottchen zu entwerfen. Diese dienen der Produktvermarktung, machen eine Region bekannt oder fördern das Bewusstsein für Mülltrennung bei Jung und Alt (siehe Beitrag zur Sonnenblumen-Müllabfuhr).

Die Stadt Kikuchi in der Präfektur Kumamoto hat nun eine Kreatur geschaffen, die etwas aus diesem Schema fällt. Gestatten: Kikuchikun.

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Grün-marmorierter Kopf, blaues Gesicht, vertrocknet wirkende Augen, schwarz-weiß gefleckte Beine – was soll das?

Die erste Aufgabe des Maskottchens war es gewesen, in der lokalen Grundschule den Kindern das allseits bekannte und beliebte Märchen „Momotaro“ vorzulesen (in solchen Maskottchen stecken immer mehr oder minder gut bezahlte JapanerInnen; oft sind es Studenten). Doch nachdem die Grundschüler allesamt zu viel Angst vor Kikuchikun hatten, wurde das Maskottchen nicht mehr eingeladen. Auch die Möglichkeit, per Video mit Kikuchikun zu telefonieren, wurde nicht wahrgenommen.

Dennoch ließ man sich nicht beirren. Es wurde auf den Charakter ausgerichtetes Merchandise hergestellt und verbreitet. Außerdem ist Kikuchikun auf Twitter und Facebook sehr aktiv.

Schließlich schaffte Kikuchikun es ins lokale Fernsehen. Doch gerade als er bekannt zu werden begann, fand das Erdbeben von Kumamoto im April diesen Jahres statt.

Kikuchikun erwies sich als wahrhaft mit der Stadt und der Region verbunden. Außerdem waren seine Botschaften nicht nur leere Mutmach-Sprüche, sondern bewiesen Herz und Verstand. „Es wird den Leuten immer gesagt, dass sie nicht aufgeben sollen. Aber ist das alles? Manchmal kann es auch gut sein, wenn man sich zurückfallen lässt, oder wenn man mal zur Seite ausweicht. Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg. Geht den Weg, an den ihr glaubt.“ Kikuchikun möchte den Leuten dabei helfen, zumindest kurz ihr schweres Los in den verwüsteten Gebieten zu vergessen.

Neben dieser herzlichen Art hat das Maskottchen auch Witz und Mut gezeigt. Kikuchikun wurde dafür kritisiert, dass er gar nicht offiziell anerkannt sei als Maskottchen. Daraufhin entgegnete er, dass er ganz froh sei, nicht offiziell zu sein, sonst müsste er am Ende nur noch über die schönen und oberflächlichen Dinge reden. Oder am Ende gar werden wie Kumamon, das offizielle Maskottchen der Präfektur Kumamoto, der „doch eh immer nur über sich selber quatscht“. Am Ende verkündet Kikuchikun, dass er irgendwann beim Wettbewerb der Maskottchen Japans (ja, sowas gibt es), Kumamon zu Fall bringen wird.

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Rivale Kumamon

Die Bewohner von Kikuchi jedenfalls lieben ihren Kikuchikun. Der Kopf ist den regionalen Melonen, das Blau den Flüssen der Bergschluchten nachempfunden und die Augenbrauen stehen für die heißen Quellen. Schönheit und Balance sind eher vernachlässigt worden. Aber allein dadurch, dass man die Bedeutung von Kikuchikun den Menschen erklären muss, ist die Stadt schon sehr viel bekannter geworden, erzählt die Verkäuferin im örlichen Süßigkeitenladen.

Am 11.11. ist Kikuchikun ein Jahr alt geworden. Herzlichen Glückwunsch und weiter so!

(http://digital.asahi.com/articles/ASJBT0SDPJBSTLVB021.html?_requesturl=articles%2FASJBT0SDPJBSTLVB021.html&rm=726)

Sonnenblumen-Müllabfuhr

Asahi Shimbun 11.10.2016

Seit mehr als 1000 Tagen sind die Wagen der Müllabfuhr in der Stadt Zama (Präfektur Kanagawa) unfallfrei. Hauptarbeitsbereich für die Müllwagen sind öffentliche Straßen und Wege. Dabei wird immer wieder beschleunigt, abgebremst oder ganz angehalten. Deshalb kommt es nicht selten zu Auffahrunfällen, da die anderen Verkehrsteilnehmer zu spät auf die langsamen Wagen der Müllabfuhr reagieren.

Doch seit die Wagen in einem auffällig bunten Design unterwegs sind, ist die Zahl der Unfälle drastisch gesunken. Dies ist eigentlich nur ein sehr positiver Begleiteffekt einer PR-Aktion, die 2013 ihren Anfang nahm. Ursprünglich hatte man mit dem Bemalen der Karosserie die Kinder der Stadt im Blick. Bei ihnen sollte die Müllabfuhr ein neues positives Image bekommen, um so letztlich auch bei den Eltern das Bewusstsein für den Umgang mit Müll zu schärfen.

Das Design der Wagen haben die Mitarbeiter der Müllabfuhr eingenständig entworfen. Hauptfigur ist die Sonnenblumenfee, aber auch andere beliebte Charaktere sind in verschiedenen Situationen auf den Wagen abgebildet. Inzwischen sind 2/3 der Wagen der Müllabfuhr in Zama mit diesem bunten Design ausgestattet.

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Tatsächlich sind die Wagen nun äußerst beliebt, die Mülltrennung wird ernster genommen und mehr Rohstoffe können im Kreislauf behalten werden. Weil die Kinder nun öfter vorbeikommen, werden die Mitarbeiter motiviert, verstärkt auf Ordnung und Sauberkeit zu achten. Jeden Tag werden die Wagen blitzblank geputzt. Außerdem besuchen die Mitarbeiter Grundschulen, um mit den Kindern über das Thema Müll zu sprechen, und lassen sie bei der Gelegenheit im kunterbunten Müllwagen mitfahren.

http://www.asahi.com/articles/ASJB54S2GJB5ULOB00Y.html

 

Lieber sterben, als zur Schule gehen: Selbstmorde unter Schülern

(Asahi Shimbun, 30.08.2016)

Alljährlich rückt mit dem Ende der Ferien ein trauriges Thema in den Fokus der japanischen Medien, denn zu dieser Zeit erreichen Selbstmordfälle unter Schülern ihren Höhepunkt.

Während in der Gesamtbevölkerung die Fälle von Selbstmord immer weiter sinken, steigen sie unter den den Mittel- und Oberschülern1.

Vergangenes Jahr haben 102 Mittelschüler Selbstmord begangen. Dies ist der zweithöchste Wert seit dem Jahr 1986 mit 133 Fällen, in dem sich eine beliebte Sängerin das Leben nahm. Auf 100.000 Mittelschüler kommen etwa 2, 94 Kinder, die Selbstmord begehen. Unter den Oberschülern haben im letzten Jahr 241 Jugendliche Selbstmord begangen. Auf 100.000 Schüler kommen hier 7,26 Fälle.

Selbstmorde von Kindern treten hauptsächlich zum Ende der Ferien auf, besonders zum Ende der Sommerferien. Eine Untersuchung der Selbstmordzahlen nach Datum hat ergeben, dass während der letzten 40 Jahre allein am 1. September insgesamt 131 Fälle zu beklagen sind.

Als Gegenmaßnahme sollen Streifen besonders vor und nach Beginn des zweiten Schulhalbjahres an Bahnhöfen und Bahnübergängen Hinweise auf Selbstmord beobachten und so einen Suizid auf den Gleisen verhindern.

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Außerdem ist geplant, in den Schulen verstärkt Unterricht zur Prävention von Selbstmord durchzuführen. Im Ethikunterricht soll den Kindern vermittelt werden, wie sie auch in schweren Zeiten Kraft finden, um nicht aufzugeben. Hauptbotschaften sind: „Jeder macht mal eine schwere Zeit durch“, „Wenn ihr Sorgen habt, dann bittet um Hilfe“ und „Wenn es euren Freunden schlecht zu gehen scheint, dann wendet euch an einen Erwachsenen, dem ihr vertraut“. Darüber hinaus gibt es für Schüler, die lieber sterben würden, als weiterhin zur Schule zu gehen, die Möglichkeit, sich beurlauben zu lassen.

Gleichzeitig werden Weiterbildungsprogramme für Lehrer angeboten, in denen zum Beispiel der Umgang mit Schülern, die sich selbst verletzten, besprochen wird. Beispielsweise sollen die Lehrer diesen Kinder nicht das Versprechen abnehmen, Ritzen oder ähnliches einfach einzustellen. Dies führt nur dazu, dass sie sich weiter zurückziehen.

Das japanische Gesundheitsministerium hat eigens einen Verantwortlichen zur Bekämpfung von Selbstmord. Auch dieser ist angesichts der hohen Zahlen eher ratlos. Er gibt zu bedenken, dass oftmals kein Abschiedsbrief bei jüngeren Schülern zu finden ist und somit die Motive und Ursachen nur schwer zu erkennen sind. Zudem betont er die Notwendigkeit, ein Umfeld zu schaffen, in dem es leicht ist, sich mit seinen Sorgen jemandem anzuvertrauen.

1 Die Mittelschule umfasst drei Schuljahre, zur Einschulung sind die Kinder 12 oder 13 Jahre alt; die Oberschule umfasst ebenfalls drei Schuljahre, zum Einschulungszeitpunkt sind die Schüler 15 oder 16 Jahre alt.

Mitsubishi schreibt rote Zahlen im Schiffbau

(Asahi Shimbun, 28.08.2016)

Mitsubishi, das als einziges japanisches Unternehmen Kreuzfahrtschiffe baut, konnte seit 10 Jahren keinen Gewinn mehr mit Passagierschiffen erzielen. Nun steht das Unternehmen vor der schweren Entscheidung, den Bereich des Schiffbaus ganz einzustellen.

Dabei hat der Schiffsbau bei Mitsubishi eine lange Tradition. Seit 1887 wurden etwa 100 Schiffe ausgeliefert. Auch gegen die Konkurrenz aus China oder Südkorea konnte man sich lange Zeit behaupten.

Doch dem Schiffsbau wurde ein herber Rückschlag versetzt, als 2002 während des Baus auf einem Schiff ein Brand ausbrach und dies dazu führte, dass das Unternehmen sich verstärkt anderen Bereichen zuwandte. In der Zwischenzeit schritt die Digitalisierung auch im Schiffsbau immer weiter voran: die Bereitstellung von Internet in allen Schiffskabinen ist Standard geworden. Diesen Anforderungen konnte Mitsubishi beim Auftrag für die Aida Cruse Line von 2011 nur schwer gerecht werden. Hinzu kam, das ganze drei mal während des Baus der Aida Prima ein Feuer die Arbeiten unterbrach. Die Ablieferung verzögerte sich, das Unternehmen geriet in rote Zahlen und das Schiff konnte erst in diesem Jahr übergeben werden.

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Ob es nun möglich sein wird, den Auftrag für ein weiteres Schiff, ebenfalls für Aida, überhaupt auszuführen, ist unklar. Bei einem Minus von etwa 2.016.000.000 Euro im März 2016 und einem zu erwartenden Gewinn durch den Auftrag von etwa 876.678.000 Euro wäre der Verlust noch immer erheblich. Die vollständige Aufgabe des Schiffsbaus wird somit immer wahrscheinlicher.

Einziger Hoffnungsschimmer ist die große Reederei Nihon Yuusen. Deren Vorsitzender hat auf der Versammlung der Hauptaktionäre angedeutet, dass seine Firma gerne ihr nächstes Schiff bei einem japanischen Unternehmen in Auftrag geben würde.

Die Entscheidung liegt bei Mitsubishi, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

http://www.asahi.com/articles/ASJ8V44R1J8VULFA00D.html

Niedergang der Love Hotels

(Asahi Shimbun, 22.08.2016)

Wer sich ein bisschen mit Japan beschäftigt hat, der  hat auch schon von den sogenannten Love Hotels, den Stundenhotels, gehört. Diese Refugien für Liebespaare, heimlichen Affären, gestresste Eltern usw., haben seit einiger Zeit mit einem Rückgang der Gästezahlen zu kämpfen.

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Mögliche Ursachen: günstige Alternativen wie Karaokeboxen oder Zweierplätze in Internetcafes für Paare sowie die Tatsache, dass immer weniger junge Japaner ein Auto besitzen. Auch die „fortschreitende Entwicklung zu Pflanzenfressern“ junger Japaner wird dafür verantwortlich gemacht. (Damit ist ein allgemeines Desinteresse an sexuellen Begegnungen gemeint. Zu diesem sozialen Phänomen, bzw. der Begrifflichkeit bedarf es einer längeren Erläuterung).

Somit stehen viele Betreiber vor finanziellen Schwierigkeiten. Die Rettung könnte in Form von ausländischen Touristen, vor allem chinesische Reisegruppen, kommen. Vereinzelt wurden Hotels schon aufwändig renoviert und umgestaltet. Rosa Wände werden weiß gestrichen, statt eines Bettes für ein Paar zwei einzelne Betten aufgebaut, große Spiegel werden entfernt und Kühlschränke in die Zimmer gestellt.

Doch nicht alle Hotelbetreiber können diese Belastung alleine stemmen. Sie haben zudem das Problem, dass öffentliche Geldinstitute nicht bereit sind, ihnen Kredite zu gewähren, da Love Hotels ein anrüchiges Image haben. In iher Not wendet sich die Hotelgewerkschaft nun an die Politik und bittet um entsprechende Mittel oder Pläne zur Wiederbelebung des Geschäfts.

Es gibt auch kritische Stimmen, die befürchten, dass es bei ausländischen Touristen keinen guten Eindruck macht, wenn sie in ehemaligen Love Hotels untergebracht werden. Außerdem sei es ein Unterschied, ob man täglich eine große Zahl an Ein- und Abreisen habe oder aber Gäste über mehrere Tage hinweg entsprechend bewirten müsste.

Dem widerspricht, dass es bereits jetzt ausländische Touristen gibt, die Love Hotels als günstige Alternative zu übrigen Hotels oder als intimen Rückzugsort nutzen.

 

http://digital.asahi.com/articles/ASJ8M5CJKJ8MUTIL017.html?_requesturl=articles%2FASJ8M5CJKJ8MUTIL017.html&rm=1123