Bevor die Blutkonserven zur Neige gehen – Innovationen aus Kyoto

Im Jahr 2012 hat der japanische Stammzellenforscher Shinya Yamanaka den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Entwicklung von iPS-Zellen (induced pluripotent stem cells) erhalten. Das sind Zellen, die in der Lage sein sollen, sich wie eine natürliche Stammzelle in jede beliebige Körperzelle weiterzuentwickeln. Und da im Gegensatz zur Verwendung embryonaler Stammzellen in Forschung und Entwicklung keine ethischen Fragen aufkommen, sind iPS-Zellen äußerst vielversprechend für die Zukunft von Medizin, Biologie und Pharmazie.

Nun hat ein medizinisches Start-up aus Kyoto, Megakaryon Corp., um Genjiro Miwa bekannt gegeben, weltweit die erste Methode zur Massenproduktion von Blutplättchen aus iPS-Zellen gefunden zu haben. Gewöhnlich werden Blutplättchen aus gespendetem Blut anderer Menschen gewonnen und beispielsweise verwendet, um Blutungen nach Unfällen oder bei Operationen zu stillen. Gerade in Japan, wo aufgrund der sinkenden Bevölkerungszahl mit gleichzeitig hohem Altenanteil und geringer Geburtenrate ein weiterer Rückgang an Blutspenden abzusehen ist, setzt man auf die aus iPS-Zellen hergestellten Blutplättchen als Alternative. Außerdem sind aus Blutspenden gewonnene Derivate nur etwa vier Tage haltbar, wohingegen das von den Wissenschaftlern geschaffene Produkt bis zu zwei Wochen verwendet werden kann.

Megakaryon hofft, bis 2020 die Erlaubnis zum Vertrieb des Produkts in Japan und den USA zu erhalten und schließlich auch weltweit agieren zu können. Klinische Versuchsreihen sind für nächstes Jahr geplant. 

 

Quellen:

World’s first method for mass-producing platelets from iPS cells unveiled by Kyoto startup

http://www3.nhk.or.jp/news/html/20170807/k10011092061000.html?utm_int=nsearch_contents_search-items_001

 

Grundkurs Psychologie

In den Präfekturen Aichi und Gifu sowie in der Stadt Nagoya sorgen Poster an Bahnhöfen und Stationen zur Verhinderung von Selbstmorden für reichlich Wirbel. Letztes Jahr wurden etwa 850 der Poster an 441 Bahnhöfen und Stationen aufgehängt. Verantwortlich dafür sind die regionalen Verkehrsunternehmen.

Auf dem Poster werden Mitreisende und Fahrgäste darum gebeten, nach selbstmordgefährdeten Menschen Ausschau zu halten und diese eventuell anzusprechen. Außerdem wird auf die Umstände verwiesen, die Selbstmörder den Mitreisenden bereiten. 

Zu lesen ist dort neben diversen Beratungsnummern:

Selbstmorde stoppen!

Lasst uns alle zusammen das wertvolle Leben schützen!

Bei einem Selbstmord auf den Schienen geht nicht nur ein wertvolles Leben verloren, betroffen sind auch die Sicherheit und die Lebensverhältnisse vieler der Personen, die die Bahnen benutzen.

Wenn Sie jemanden sehen, der (derart) leidet, seien Sie mutig und sprechen Sie ihn an.

Natürlich ist für die Verkehrsunternehmen die Verhinderung von Selbstmorden auch aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel heraus ein wichtiges Thema. Die Meitetsu Bahngesellschaft hat beispielsweise jährlich etwa 20-30 Fälle von Selbstmord auf ihrem Schienennetz zu verzeichnen. Die Folgen sind Verspätungen und Schäden, für die Meitetsu auch schon Entschädigungsforderungen an Angehörige gestellt hat.

Kritiker bemängeln, dass eine solche Herangehensweise und Formulierung wie auf dem Poster nicht effektiv ist. Mitglieder von Selbsthilfegruppen Angehöriger weisen zudem darauf hin, dass Hinterbliebene, die sich eh oftmals mit Gewissensbissen und Schuldfragen quälen, dadurch noch weiter gebrandmarkt werden. Denn schließlich hat ja ein Mitglied ihrer Familie anderen Umstände bereitet. Außerdem besteht großer Zweifel, ob akut Gefährdete wirklich durch den Hinweis, sie würden durch einen Sprung vor den Zug andere belästigen, vom Selbstmord abgehalten werden können.

Sicher hat ein Selbstmord auf den Schienen einen großen Einfluss auf die Verkehrsunternehmen und die Fahrgäste. Jedoch ist es mehr als fraglich, ob durch einen öffentlichen Hinweis auf die damit verbundenen „Umstände“ die Zahl der Suizide auf den Gleisen zurückgeht. Ein etwas sensiblerer Umgang mit dem Thema und mehr Einfühlungsvermögen wären wünschenswert. 

Immerhin wurden in der Stadt Nagoya nach Beschwerden nun etwa 140 Poster wieder entfernt.

Quellen:

http://digital.asahi.com/articles/ASK7M5668K7MOIPE02V.html?_requesturl=articles%2FASK7M5668K7MOIPE02V.html&rm=491

https://www.iwai-law.jp/%E3%83%96%E3%83%AD%E3%82%B0/

 

Trautes Heim …

Hat man einmal die geschützte Umgebung der Gastfamilie oder des internationalen Wohnheimes verlassen und schaut sich auf dem Wohnungsmarkt nach einer neuen Bleibe um, so wird man als Nicht-Japaner oftmals mit ungeahnten Problemen konfrontiert. Denn es gibt kein Gesetz, das Hausbesitzern verbieten würde, aufgrund der Nationalität einen Bewerber per se auszuschließen. Das heißt, Vermieter und Hausverwaltung können offen ausländische Bewerber aufgrund ihrer Nationalität rundweg ablehnen oder ihnen verschärfte Bedingungen auferlegen.

Dabei scheint es keinen Unterschied zu machen, ob die Bewerber gut ausgebildet sind, gut bezahlt werden und eine sichere Arbeitsstelle vorzuweisen haben. So waren selbst Universitätsprofessoren oder Angestellte japanischer Firmen ausländischer Herkunft unerwünscht. Auch Nicht-Japaner, die schon lange in Japan leben und nahezu perfekt Japanisch sprechen, haben diese Erfahrung gemacht. Selbst Personen, die einen japanischen Elternteil haben oder deren Ehepartner Japaner ist, wurden kategorisch ausgeschlossen. Besonders skeptisch werden potentielle Mieter aus dem asiatischen Ausland beäugt. Hier halten sich Vorurteile hartnäckig, da einzelne Fälle, in denen weitere Personen unerlaubterweise mit in der Wohnung lebten, medial Wellen geschlagen haben.

Einer Umfrage des Justizministeriums zufolge gaben 40% der befragten Ausländer an, die in den letzten 5 Jahren auf Wohnungssuche waren, aufgrund ihrer Herkunft abgelehnt worden zu sein. Es wird vermutet, dass etwa 60% der Wohnungen auf dem Markt von vornherein für ausländische Bewerber unerreichbar sind.

Besteht kein genereller Ausschluss ausländischer Mieter, ist in vielen Fällen mit gesonderten Auflagen, mehr Papierkram und höheren Kosten zu rechnen. Es ist Usus, dass Ausländer die doppelte Summe an Kaution und Schlüsselgeld zahlen müssen (Schlüsselgeld kann zwischen einer und drei Monatsmieten betragen und wird nicht bei Ende des Vertrages zurückerstattet; es ist mehr eine Art unfreiwilliges Geschenk an den Vermieter). Des weiteren verlangen Hausbesitzer oder die Verwaltung häufig einen Bürgen (japanischer Herkunft), der im Falle von Mietschulden oder Schäden an der Mietsache die Kosten übernimmt. Dieser Bürge kann eine Privatperson oder auch eine Firma sein. Handelt es sich um den Arbeitgeber, könnte dies im schlechtesten Fall sogar als Druckmittel gegen den ausländischen Arbeitnehmer verwendet werden.

Doch wieso wird nicht-japanischen Bewerbern das Leben so schwer gemacht? Größte Angst der Hausbesitzer und -verwaltungen sind Probleme aufgrund von (vermuteten) Sprachbarrieren. Die Vorstellung sitzt tief, dass Ausländer nicht in der Lage sind, sich auf Japanisch zu verständigen. Weiterhin werden Ausländer verdächtigt, sich nicht an die Regeln des Zusammenlebens, insbesondere in Bezug auf Mülltrennung und -beseitigung, zu halten. Hinzu kommt die Befürchtung, dass die ausländischen Mieter bei der Zahlung der Miete in Verzug geraten und im Zweifelsfall über alle Berge sind. Diese negativen Bilder halten sich auch deshalb so gut, da der Großteil der Hauseigentümer bereits jenseits der 60 ist und sich kaum bereit zeigt, Klischees zu revidieren. Laut Japan Times liegen jedoch keine statistischen Belege vor, die diese Behauptungen unterstützen. Vielmehr stehen Nicht-Japaner ständig unter dem Druck, beweisen zu müssen, dass sie weder unzuverlässig oder unordentlich noch rebellisch sind.

Makler und spezielle Verwaltungsfirmen schlagen Gewinn aus dieser Situation. Sie mieten unter dem Namen der Firma Wohnraum, leisten Zahlungen, übernehmen Kosten für die Instandhaltung und treten als Bürge ein. Diese Wohnungen werden dann an Ausländer weitervermietet. Natürlich fallen für den Mieter dadurch zusätzliche Kosten an. Darüber hinaus wird dieser Service bei weitem nicht im ganzen Land angeboten.

Ohne eine solide gesetzliche Grundlage wird es kaum möglich sein, die Situation ausländischer Mieter in Japan zu verbessern. Auch die Klage eines belgischen Studenten gegen seine Ablehnung aufgrund seiner Nationalität wurde abgewiesen. Das Gericht sah in der Weigerung der Hausbesitzer keinen Verstoß gegen die Menschenrechte des ausländischen Bewerbers, der sich diskriminiert fühlte. Gegenwärtig haben Vermieter und Verwaltung freie Hand, was den Umgang mit und die Auflagen für ausländische Mieter betrifft. Bestrebungen, die Lage zu verbessern, sind zwar vorhanden; beispielsweise werden nun Leitlinien in mehreren Sprachen herausgegeben, um ausländische potentielle Mieter besser zu informieren und Missverständnissen vorzubeugen. Aber die großen Vorbehalte in den Köpfen der Menschen werden kaum durch gutes Zureden zu beseitigen sein.

Quelle:

‘No foreign tenants’ — and not much you can do about it

Kopfweh für Kalenderherausgeber

Japans Kaiser Akihito gab vor einiger Zeit öffentlich bekannt, den Rücktritt von seinem Amt in Betracht zu ziehen. Während die Mehrheit der Bevölkerung dafür Verständnis aufbringt, kritisierten konservative Stimmen diese Absicht als Verstoß gegen das Hofprotokoll. Denn normalerweise endet eine Kaiserschaft mit dem Tod des Throninhabers. Nachfolger kann nur ein männlicher Nachkomme des Kaisers, also ein Sohn oder ein Enkel, werden. Kaiserinnen sind nicht vorgesehen, obgleich es bereits Debatten über eine Änderung dieser Regel gab. Nach aktuellem Protokoll verlieren weibliche Mitglieder sogar ihre Zugehörigkeit zum Hof, sobald sie heiraten.

Für den gegenwärtigen Kaiser, der aus gesundheitlichen Gründen abdanken möchte, wird eigens eine Ausnahmeregelung geschaffen. Eine dauerhafte Änderung kommt für die japanische Regierung um den konservativen Premierminister Shinzou Abe vorerst nicht in Frage.

Doch nicht nur in der Bevölkerung und unter Politikern sorgen die Pläne Kaiser Akihitos für Aufregung. Eine Gruppe, für die eine schnelle und eindeutige Regelung sehr wichtig ist, sind die Herausgeber japanischer Kalender.

Denn in Japan spielt neben der westlichen Zeitzählung nach dem gregorianischen Kalender nach wie vor der traditionelle Kalender eine bedeutende Rolle. Dabei werden die Jahre nach ihrer Reihenfolge innerhalb einer Herrscherära benannt. Mit der Thronbesteigung eines neuen Kaisers bricht zugleich eine neue Ära an, die unter einem vorher festgesetzten Motto steht. Beispielsweise befinden wir uns nun (2017) im Jahr Heisei 29, da Kaiser Akihito seine Regentschaft im Jahr 1989 begonnen hat (Heisei 1).

Die Herausgeber japanischer Kalender drängen nun die Regierung, möglichst schnell über den Namen der neuen Regentschaftszeit zu beraten, der für gewöhnlich aus zwei chinesischen Schriftzeichen zusammengesetzt ist. Andernfalls könnten sie in große finanzielle Probleme geraten, da Produktionspläne geändert und hohe Kosten für die Auslagerung von Aufgaben anfallen würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der jetzige Kaiser im Dezember 2018 alle seine Verpflichtungen an seinen Sohn Naruhito abgeben, sodass mit dem 1. Januar 2019 die neue Regentschaft anbricht. Demzufolge, so die Vertreter der Kalenderherausgeber, wäre eine Entscheidung über den Namen bis zum kommenden Januar äußerst wünschenswert. 

 

Quellen:

Big headache for calendar publishers if new emperor’s era name announcement delayed

 

Veraltetes Sexualstrafrecht kommt in Bewegung

Erstmals seit der Einführung des Strafgesetzbuchs im Jahr 1907 wird die Strafe für sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung und die Definition solcher Taten angepasst. Diese Überarbeitung wurde maßgeblich von der ehemaligen Justizministerin Midori Matsushima vorangetrieben. Besonders bestürzt war sie von der Tatsache, dass Raub zum Teil härtere Strafen nach sich zieht, als eine Vergewaltigung.

Die minimale Strafe für eine Vergewaltigung beträgt gegenwärtig drei Jahre. Zieht die Tat ernsthafte Verletzungen oder gar den Tod des Opfers nach sich, ist selbst dann eine Mindeststrafe von fünf Jahren möglich. Demgegenüber beträgt die minimale Strafe für einen Raubüberfall fünf Jahre und für einen Raubüberfall mit ernsthaften Verletzungen oder Todesfolge sechs Jahre.

Die bevorstehende Änderung betrifft zunächst die Definition von Vergewaltigung. Nicht bloß erzwungener vaginaler Geschlechtsverkehr soll nun als Vergewaltigung anerkannt werden, sondern auch erzwungene orale und anale Praktiken fallen künftig darunter. Dies ermöglicht, dass auch Männer als Opfer anerkannt werden und Frauen als Täter in Frage kommen. Darüber hinaus soll der herkömmlichen Ausdruck für Vergewaltigung „gokan“ durch einen anderen Ausdruck ersetzt werden, da „gokan“ eine Tat impliziert, in der Frauen stets die Opfer sind. Weiterhin wird es nicht mehr zwingend erforderlich sein, dass das Opfer selbst die Tat zur Anzeige bringt. Auch Dritte können Anzeige erstatten, was die große psychologische Belastung für Opfer reduzieren kann. Zudem soll die Mindeststrafe für Vergewaltigung auf fünf Jahre angehoben werden.

Hinzu kommt ein neuer Straftatbestand für Erziehungsberechtigte, die ihre Schutzbefohlenen missbrauchen. Dadurch wird die strafrechtliche Verfolgung von Taten gegen Kinder und Jugendliche durch Eltern vereinfacht. In diesen Fällen ist es zudem nicht mehr nötig, die Anwendung von Gewalt und Zwang bei der Tat nachzuweisen. Zu bemänglen bleibt jedoch, dass diese Ausweitung nicht auf weitere Erwachsene im näheren Umfeld der Kinder, wie zum Beispiel Verwandte, Lehrer oder Trainer, anzuwenden ist.

Umstritten bleibt die generelle Regelung, dass nur dann von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung gesprochen wird, wenn der Täter den Widerstand des Opfers mit „Gewalt und Drohung“ überwindet. An diesem Punkt ist zu kritisieren, dass in der Realität die Opfer oftmals unter Schock stehen oder aus Angst keine Versuche unternehmen, den Übergriff abzuwenden.

Die längst überfällige Revision des Sexualstrafrechts weist auf einen Wandel in Bezug auf überholte Wertmaßstäbe hin. Die bisherige Gesetzeslage versuchte lediglich, den Raub der „Reinheit“ der Frau, die durch vaginalen erzwungenen Sex genommen wird, zu bestrafen. Nun soll die Würde der Opfer und die Bedeutung ihrer Menschenrecht mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Japan ist auf einem guten Weg in die richtige Richtung. Die Veränderungen zeigen, dass die alten Gesetze als unzureichend angesehen werden.

http://www.japantimes.co.jp/news/2017/03/06/reference/revisions-seek-bring-japans-archaic-sex-crime-laws-modern-era/#.WL_IZ2YiyUk

Der Skandal um die Moritomo-Grundschule (2)

Der Skandal um Moritomo Gakuen, ihren Vorsitzenden Yasunori Kagoike und die Verwicklungen der LDP um Shinzo Abe in die Sache geht in die nächste Runde. Wie es scheint, gibt es nicht nur Unstimmigkeiten in Bezug auf den Grundstückspreis der neu gebauten Grundschule, auch die Summen, die zwischen der Baufirma geflossen sind und die Moritomo Gakuen ausgegeben haben will, unterscheiden sich beträchtlich. Während Moritomo von Kosten in Höhe von etwa 2 Billionen Yen spricht, ist tatsächlich nur ein Drittel dieses Preises mit der Baufirma ausgemacht worden. Aufgrund der unklaren Lage hat der Gouverneur der Präfektur Osaka die Eröffnung der Schule erst einmal auf Eis gelegt. Er besteht auf einer weiteren Untersuchung und Aufklärung.

Zugleich lehnt die LDP die Forderung der Opposition ab, Herrn Kagoike als unvereidigten Zeugen im Parlament zu befragen. Ihrer Meinung nach ist es nicht angebracht, eine Privatperson, der zunächst kein Vergehen nachgewiesen worden ist, im Parlament zu verhören. Derweil hat selbst Premierminister Abe einräumen müssen, dass die Regierung nicht in der Lage ist, die Angelegenheit zufriedenstellend aufzuklären. Die Notwendigkeit einer umfassenden Klärung steigt mit dem nationalen Druck und dem zunehmenden internationale Interesse an der Geschichte.

Des Weiteren besteht die Opposition darauf, Verantwortliche des Finanzministeriums anzuhören, die in den Ablauf des Verkaufs involviert waren. Sie sollen erklären, wie es zu der Reduzierung des ursprünglich veranschlagten Grundstückspreises von etwa 956 Millionen Yen auf 134 Millionen Yen kommen konnte.

Auch die Rolle, die Akie Abe in dieser Sache spielt, wird weiter heftig debattiert. Während ihr Mann darauf besteht, dass sie als Privatperson den Kindergarten der Moritomo Gruppe besucht und dort eine Rede gehalten hat, stellen andere Politiker dies infrage, da sie dabei auch von Beamten der Regierung begleitet wurde. Außerdem wurde sie dort in ihrer Rolle als Frau des Premierministers angekündigt und dies kann durchaus als öffentliches Amt betrachtet werden.

http://www.japantimes.co.jp/news/2017/03/07/national/moritomo-gakuen-seen-telling-state-school-cost-three-times-build-claimed-contract/#.WL_JQWYiyUk

http://digital.asahi.com/articles/ASK374W4PK37UTFK00L.html?_requesturl=articles%2FASK374W4PK37UTFK00L.html&rm=779

Der Skandal um die Moritomo-Grundschule

Japans Premierminister Shinzo Abe droht ein Skandal im Zusammenhang mit einer neu gegründeten Grundschule in Osaka. Diese Grundschule gehört zur Bildungskörperschaft Moritomo, die bereits einen Kindergarten betreibt. Dieser Kindergarten hat wegen idiologisch-nationalistischer Erziehung der Kinder negative Schlagzeilen gemacht.

Neben schriftlichen Unterlagen und Aussagen von Eltern konnte durch ein Video festgestellt werden, dass den Kindern dort rechte politische Gedanken eingetrichtert werden. Rassismus und eine verklärende Sicht auf Japan werden vermittelt. Ein Video, das auf Twitter verbreitet wurde, zeigt den Beginn eines Sportfestes. Darauf sind die Kinder zu sehen, die einen Schwur leisten, in dem sie unter anderem die Erwachsenen dazu aufrufen, Japan und insbesondere auch die umstrittenen Gebiete gegen andere Länder zu verteidigen. Des weiteren wird China und Korea konkret vorgeworfen, im Bezug auf die Geschichte Lügen zu verbreiten. Und auch ein extra Lob für den großen Premierminister bleibt nicht aus.

Hier werden kleine Kinder mit rechtem Gedankengut infiltriert. Dies ist eindeutig gesetzwidrig und das Erziehungsministerium müsste möglichst bald ein Machtwort sprechen, was noch nicht geschehen ist.

Leiter von Moritomo ist ein Mann namens Yasunori Kagoike, der ein einflussreiches Mitglied der Nippon-Kaigi ist. Diese Gruppierung ist für ihre nationalisitschen Tendenzen bekannt und hat viele Mitglieder in hohen Regierungskreisen zu verzeichnen. Zu ihren Zielen erklärt sie unter anderem: Verstärkte Verehrung der kaiserlichen Familie, ein nationales Recht auf Verteidigung, die Familie als Kern des Staates und Stärkung des Shinto als japanischer Urreligion. Hinzu kommt eine offen feindliche und verachtende Haltung gegenüber China und Korea sowie die Ablehnung einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Für kurze Zeit war Abes Frau Akie als Ehrendirektorin von Moritomo mit einem Grußwort auf der Homepage vertreten. Darin hat sie die Ausrichtung der Schule, die den Nationalstolz fördern und die Kinder moralisch erziehen will, gelobt. Nach Protesten und Widerstand sowie kritischen Nachfragen aufgrund finanzieller Ungereimtheiten ist sie von diesem Amt zurückgetreten. Ihr Beitrag wurde von der Hompage entfernt.

Wie japanische Medien berichten, konnte die Bildungskörperschaft Moritomo das staatseigene Land zu einem Spottpreis erwerben. Nur etwa 14% des offiziellen Preises mussten bezahlt werden. Offizielle Stellen begründen dies damit, dass im Vorfeld umfangreich Industrieabfall durch Moritomo beseitigt werden musste. Ein eindeutiger Beleg dafür, dass entsprechende Arbeiten durchgeführt worden sind, steht noch aus.

Abe selbst ließ verlauten, falls ihm eine Verwicklung in die dubiose Bezahlung des Grundstückes nachgewiesen werden könne, so werde er von seinem Amt zurücktreten. Auch habe seine Frau die Ernennung zur Ehrendirektorin der Schule zunächst nicht ablehnen können, nachdem dies wohl voreilig verkündet worden sei.

Quellen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/shinzo-abe-betreibt-in-japan-nationalismus-14887395.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/shinzo-abe-betreibt-in-japan-nationalismus-14887395.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2>

https://hbol.jp/130689

https://www.theguardian.com/world/2017/feb/24/shinzo-abe-wife-akie-under-pressure-ties-ultra-nationalist-school-japan

http://headlines.yahoo.co.jp/hl?a=20170223-00000112-asahi-soc

 

Die Krux mit der Geschichte

Bereits in der Vergangenheit wurde Japan eine mangelhafte Aufarbeitung seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg vorgeworfen. Nicht zu Unrecht, denn bei der eigenen Bevölkerung sind die Kenntnisse diesbezüglich weitgehend unausgereift. Wo Unkenntnis oder seichtes Halbwissen vorherrschen, wird auch in Japan schnell diese Lücke durch selbsternannte Patrioten ausgefüllt, die mit „alternativen Fakten“ arbeiten.

Einer von ihnen ist ein Mann, der sich Seiji Fuji nennt, aber eigentlich Toshio Motoya heißt. In seinem Buch „Theoretical Modern History: The Real History of Japan“ behauptet er unter anderem, dass die USA selbst den Untergang der USS Arizona bei Pearl Harbor verursacht haben, um einen Angriff auf Japan zu rechtfertigen. Auch das Massaker von Nanking, bei dem mehrere hundertausend Zivilisten und Kriegsgefangene von den japanischen Truppen getötet und Frauen und Mädchen Opfer von Massenvergewaltigungen geworden sind, wird komplett geleugnet.

 

Nun ist dieser Toshio Motoya nicht nur irgendein Nationalist, sondern der Mitbegründer der Hotelkette APA Hotels und wohl einer der reichsten Privatpersonen Japans. In seinen Hotels sind die Werke mit dem fragwürdigen Inhalt auf allen Zimmern verteilt. Motoya sieht es als seinen Auftrag, die Leute über die „wahre“ Geschichte Japans aufzuklären und ihren Nationalstolz zu fördern.

Proteste gegen solche Darstellungen und die Verbreitung falscher Informationen hat es zum einen von chinesischer Seite gegeben. Die chinesische Regierung hat die eigenen Reiseveranstallter dazu aufgerufen, die Hotelkette zu boykottieren. Zum anderen betrachten auch japanische Stimmen Motoyas Verhalten mit Sorge, da dies wiederum die Frage aufwirft, ob Japan seine Rolle und Verantwortung mit Bezug auf den Zweiten Weltkrieg noch immer nicht begriffen hat.

Quelle:

Defiant Apa paints a target on its back

 

Mädchenpower oder doch nur Hausfrauentugenden?

Üblicherweise besuchen Schüler in Japan zunächst die öffentlichen Grundschulen. Danach steht die Wahl zwischen öffentlichen oder privaten weiterführenden Schulen an. Unter letzeren gibt es viele, die reine Jungen- oder Mädchenschulen sind. Seit einigen Jahren ist bei privaten Mädchenschulen der Audruck „Mädchenpower“ ganz groß in Mode. Was genau das bedeuten soll, haben sich zwei Autorinnen der Asahi Shimbun angesehen.

Die Aussagen auf unterschiedlichen Homepages oder von Schulvertretern gehen in diese Richtung: Eine Föderung der Mädchenpower ist nötig, um eine selbstständige Frau mit einer klaren Vorstellung von der Zukunft zu werden. Auf diese Kraft, die man während der Zeit an der Mädchenschule fern von den Jungs erworben hat, kann man sich dann als erwachsene Frau verlassen. „Wir vermitteln ihnen“, so ein Konrektor einer Mädchenschule, „,wie es dem guten Benehmen entspricht, gute schulische Leistungsfähigkeit, Denkvermögen und Ausdrucksstärke.“ Dazu kann man ihm zufolge keine Jungen mit selben Gebäude gebrauchen, denn die Entwicklung dieser Mädchenpower wird durch „beliebte und umschwärmte Jungs“ behindert. Deswegen braucht es eine geschützte Umgebung und ein Unterstützungssystem für die Mädchen. Wo das am Ende hinführt, kann man sich auf der Homepage der Frauenuniversität, zu der diese Schule gehört, durchlesen „The spirit of harmony encompasses the ideal of instructing young women in the morality and etiquette of a successfully socialized individual and future mother, nurturing within them a compassion for others.“ Ach so, natürlich, die perfekte Mutter als Hort der Moral und Etiquette.

Eine weitere Schule, die sowohl Mädchen als auch Jungen annimmt, diese aber getrennt unterrichtet, bringt dafür ähnlich befremdliche Argumente. Demnach haben Mädchen vielleicht die gleichen Fähigkeiten, aber da sie in der Gesellschaft als Frauen gegenwärtig immer untere Ränge einnehmen, muss man sie von den Jungen trennen und gesondert fördern. Sind Mädchen ein Fall für Sonderpädagogen?

Was noch nachdenklicher stimmt, ist der unterschiedliche Anspruch an Mädchen und Jungen. Während Mädchen besagte Mädchenpower, die gutes Benehmen und Empathie miteinschließt, erlangen sollen, heißt es bei den Jungs, dass sie Persönlichkeit und Stärke entwickeln müssen. Im Original werden folgende Ausdrücke verwendet 「女子力」für die Mädchenpower und für die Jungs 「人間力」. Während 「女子」Mädchen / junge Frau bedeutet, heißt 「人間」Mensch/ Person. Das letzte Zeichen heißt „Kraft, Fähigkeit, Stärke“. Ist es nicht komisch, dass Jungen zu Menschen und Persönlichkeiten werden, während Mädchen einfach nur ein bisschen Mädchenpower brauchen und aufpassen müssen, dass die Jungs ihnen diese druch Ablenkung nicht wegnehmen?

Diese Art der Mädchenpower scheint doch recht verstaubt zu sein. Statt  Anpassung an gesellschaftliche Normen durch gute Manieren und eine gepflegte Ausdrucksweise zu predigen, sollten eher gesellschaftliche Hürden und Barrieren auf dem Arbeitmarkt für Frauen abgebaut werden. Ein Schritt dazu wäre auch die Abkehr einer Trennung nach Geschlecht im Bildungssystem. Aber als Privatschule muss man sich ja Argumente einfallen lassen. Da hört sich das Gerede von der Mädchenpower einfach ganz nett an.

Ich halte das Konzept der geschlechtergetrennten Schulen an sich für überholt und rückschrittlich. Es gibt für mich (so gut wie) kein einleuchtendes Argument, wieso man Mädchen und Jungen getrennt ausbilden sollte. Natürlich gibt es Streit und Konkurrenz, aber das gibt es auch an reinen Mädchenschulen (ich spreche da aus persönlicher Erfahrung). Es schadet nicht, sich im Unterricht auch mit den Mitgliedern des anderen biologischen Geschlechts auseinanderzusetzen, zusammenzuarbeiten und zu diskutieren. Im Gegenteil, in der „normalen“ Welt ist das Leben in einer Jungs/Männerfreien Zone bzw. Mädchen/Frauenfreine Zone in den seltensten Fällen umsetzbar. Und wieso auch? Die anderen 50% der Menschheit sind weder Aliens noch Feinde. Es sind Mitmenschen.

http://www.seitoku.jp/gakuen/foreign_language/english/about/index.html

http://digital.asahi.com/articles/ASJDW5RDYJDWUTIL02N.html?_requesturl=articles%2FASJDW5RDYJDWUTIL02N.html&rm=449

Gerücht mit einer Prise Wahrheit

Relativ hartnäckig hält sich in reißerischen (meist englischsprachigen) Beiträgen  die Behauptung, dass es in Japan illegal sei, fettleibig zu sein. Das ist natürlich so nicht der Fall.

Japan ist eine Nation, in der sehr viel Wert auf Gesundheit und gesunde Ernährung gelegt wird. Der soziale Druck zum Dünnsein ist ziemlich hoch. Auf vielerlei Weise wird man mehr oder weniger liebevoll darauf aufmerksam gemacht, dass man wohl ein wenig zu viel Speck angesetzt habe (Erfahrungsbericht: https://www.youtube.com/watch?v=wwH3rA8Evow ). Dabei gibt es kaum übergewichtige Menschen in Japan und nur 3,5 % der Bevölkerung gilt als fettleibig.

Getrost lässt sich also sagen, dass Fettleibigkeit eines der geringen Probleme der japanischen Bevölkerung ist. Dennoch gibt es seit 2008 ein umstrittenes Gesetz, dass alle Menschen zwischen 40 und 74 Jahren dazu aufruft, sich einmal jährlich vermessen zu lassen. Für Männer gilt ein Wert von bis zu etwa 85 cm und Frauen bis zu 90 cm als normaler Taillenumfang. Liegen sie darüber, gibt es erstmal keine direkten Konsequenzen. Aber sie werden dann Ziel von Aufklärungskampagnen und Ernährungskursen, denn die einzelnen Gemeinden oder auch Firmen können von staatlicher Seite zur Verantwortung gezogen werden, wenn ein zu hoher Anteil der untersuchten Menschen als fettleibig gilt. Der soziale Druck, noch mehr auf die Figur zu achten, steigt somit weiter. Auch die tatsächliche Wirksamkeit des Gesetzes ist fragwürdig.

Die einzige vernünftige Reaktion ist meiner Meinung nach, diesen Unsinn einfach nicht mitzumachen und den Aufruf getrost zu ignorieren, wenn es denn möglich ist. Manchmal geht die staatliche Fürsorge und der Wunsch im Gesundheitssystem zu sparen zu weit in die falsche Richtung.

Auch als Austauschstudentin sollte ich zu Beginn meiner zwei Semester an der Uni einen Gesundheitscheck durchlaufen. Krankenversichert war ich natürlich so oder so. Und da ich keine Lust hatte, unbekannten Gesundheitsbeamten ohne Notwendigkeit über die Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit meiner Menstruation aufzuklären, bin ich schlicht nicht hingegangen. Es schien mir als unverhältnismäßige Einmischung in meine Privatangelegenheiten. Hab’s überlebt.